
Anton G. Leitner und Said am 25.02.2009 in München

Anton G. Leitner und Said am 25.02.2009 in München
Liebe Besucherinnen und Besucher,
seit heute ist der zweite Teil meiner Lyrik-Kolumne im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher ZVAB.com online. Ich habe meine Kolumne dieses Mal dem Archipoeta und großen Spracherneuerer Giuseppe Ungaretti gewidmet. Lesen Sie selbst.

Eine Verehrerin versorgt den greisen Dichter Giuseppe Ungaretti

Aloisia Leitner *21.08.1911, verstorben am 23.2.2009
Heute ist kein schöner Tag, denn vor einigen Stunden bin ich vom Totenbett meiner Großmutter heimgekehrt. Sie ist gegen Mittag im Alter von 97 Jahren gestorben. Ich habe ihr im Pflegeheim einen letzten Besuch abgestattet.
Das Heim liegt idyllisch an einem oberbayerischen See und als ich es betrete, läuft gerade der Rosenmontagsschlager „Heute ist ein schöner Tag”. Einige verwirrte Heimbewohnerinnen versuchen mit mir in einer unverständlichen Babysprache Kontakt aufzunehmen. Vom Personal begegnet mir während meines gesamten Besuches niemand. Wahrscheinlich waren die diensthabenden Pflegerinnen und der Zivildienstleistende mit bettlägerigen alten Menschen beschäftigt.
Die Tür zu Großmutters Zimmer steht einen Spalt weit offen. Sie liegt so wie immer in ihrem Pflegebett, nur steht das Bett heute etwas angeschrägt an der Terrassentür. Unter ihren Kopf hat man ein hohes Kissen geschoben, so dass sie eigentlich den zugefrorenen See sehen müsste, der draußen silbergräulich schimmert, wie ihr nach hinten gekämmtes Haar. Aber ihre Augen sind zu. Sie kann den See nicht mehr sehen und der See schert sich nichts um sie. Der ist mit sich selbst beschäftigt und taut auf, während Großmutter regungslos vor mir liegt, mit einem matten Glanz auf der Haut. Ihr Mund ist offen, zahnlos, von einem angedeutetem Lächeln umspielt. Meine Nase habe ich von ihr, denke ich. Ihre ist sogar noch mehr gekrümmt als meine. Aber ihre Nasenflügel bewegen sich nicht mehr, nicht um einen Deut. Kein Ringen um Luft, kein verkrampfter Husten nach dem Verschlucken.
Ihre feingliedrigen Hände hat man gefaltet. Sie umschließen den Teil der Blüte eines Weihnachtssterns und etwas Grünzeug. Zwei große weiße Stearin-Kerzen brennen in einem Glas. Sie stehen auf grauen Sockeln im Jugenstildekor und flankieren die rechte und linke Seite von Großmutters Bett. Die Flammen züngeln nicht. Kein Lufthauch bewegt sie. Das resopalgeschichtete Regal an der Wand ist schon leergeräumt. Wie neu.
In der Ecke des Zimmers lehnt ein Glasrahmen. Er hält noch immer all die Fotos ihrer Enkel zusammen, die nicht zusammenpassen. Einzelne sind schon angegilbt. Sie sind nach der Geburtsfolge nummeriert und handschriftlich mit den Vornamen der Enkel versehen. Ein Bild zeigt mich als Jugendlichen. Ich schaue brav aus. Mein Bild hat einen Rotstich. Es ist mit „Nr. 1″ und meinem Spitznamen gekennzeichnet. Links daneben lehnt ein einzelner Rahmen: Darin ein Foto meines verstorbenen Großvaters. “Papa” steht darauf. Kein weiteres Bild, nur ein Buch, die heilige Schrift, und Jesus am Kreuz.
Sie hätte sich gewünscht, dass jetzt ein Pfarrer an ihrem Bett steht. Aber am Rosenmontag steht auch in Bayern kein katholischer Geistlicher am Totenbett. Vielleicht findet sich doch noch einer. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Als ich gehe, schreckt eine alte Dame im Gang aus ihrem Rollstuhl hoch. Ich habe sie an ihrer Sitzhaltung wiedererkannt. Denn wie bei all meinen früheren Besuchen ist ihr halber Oberkörper über die rechte Armlehne des Rollstuhls gesunken. Mein Gruß lässt sie auch dieses Mal hochfahren und eine aufrechte Sitzhaltung einnehmen. Sie ruft, schreit mir unverständliche Worte nach und verfolgt aufmerksam mein Gehen. Dann sinkt ihr halber Oberkörper über die linke Armlehne ihres Rollstuhls.
Liebe Besucherinnen und Besucher,
seit über 25 Jahren – davon 16 Jahre im Hauptberuf – versuche ich, Ängste bei Lesern vor der Lyrik abzubauen. Die Antwort auf jene Witzfrage „Wie bekomme ich innerhalb von wenigen Minuten einen überfüllten Saal leer?” – „Ich lasse einen Lyriker lesen” birgt einen wahren Kern. Die Poeten sind nicht ganz unschuldig daran, dass es in allen anderen künstlerischen Sparten leichter ist, ein Publikum zu gewinnen. Denn bisweilen präsentieren sie sich auf Lesungen so unvorbereitet, abgehoben und langatmig, dass sich viele Zuschauer schwören, nie wieder derartige Veranstaltungen zu besuchen.
Aber glücklicherweise geht es auch anders. Unter Lyrikern gibt und gab es exzellente Vortragskünstler wie Robert Gernhardt, der zu Lebzeiten stets ganze Säle füllte und – mit durchaus bissigen Gedichten – Verkaufsauflagen erzielte, bei denen mancher Prosaist auch heute noch vor Neid erblasst.
Am Samstag, den 31. Januar 2009 werden Matthias Politycki und ich sowie die 25 Kandidatinnen und Kandidaten um den 1. Lyrikpreis „Hochstadter Stier” versuchen, es Robert Gernhardt gleichzutun und dem Publikum zu zeigen, wie unterhaltsam Poesie sein kann. Da dem Vernehmen nach die Veranstaltung schon heute fast ausgebucht ist, empfiehlt es sich dringend beim Gasthof Schuster die letzten freien Plätze zu reservieren.
Aber vom „Hochstadter Stier” zurück zur großen Politik. Nun ist Barack Obama der 44. Präsdident der Vereinigten Staten von Amerika und ich bin glücklich darüber, dass jetzt dieser charismatische und intellektuell spritzige Mann an der Spitze jener Nation steht, die so gerne die Führungsrolle in der Welt für sich reklamiert. Dass Obama eine Lyrikerin im Rahmen seiner Amtseinführung auftreten ließ, fasziniert mich naturgemäß als Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT. Meinen Kölner Herausgeberkollegen Axel Kutsch, der zu meinen langjährigsten poetischen Weggefärten zählt, hat diese Tatsache zu einem Gastkommentar für meinen Blog veranlasst, den ich Ihnen nicht vorenthalten will.
Ich hoffe, wir sehen uns demnächst im Rahmen des „1. Hochstadter Stiers”, grüße Sie bei dieser Gelegenheit herzlich und übergebe jetzt das Wort Axel Kutsch:
„Autorenlesungen finden nicht selten (fast) unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt – vor allem dann, wenn Poesie auf dem Programm steht. So waren vor einigen Monaten zu einer Lesung des Welt-Lyrikers Les Murray im Literaturhaus der Millionenstadt Köln nur 60 Zuhörer gekommen. Bei Ulrike Draesners Auftritt einige Wochen später waren es gerade mal 20. Von einem wirklich großen Publikum können Lyriker meistens nur träumen.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten,ungeheuren Weiten und gigantischen Bauwerke gehen solche Träume gelegentlich in Erfüllung. Dort dürfen sich Dichter bei Amtseinführungen von Präsidenten für wenige Minuten einer Millionenschar von Zuhörern präsentieren. Über die Qualität ihrer Werke, die sie eigens für diese feierlichen Momente geschrieben haben, breitet man am besten den Mantel des Schweigens aus. Aber immerhin – Lyrik wird nicht zuletzt durch die Fernsehübertragungen in alle Welt zum Großereignis.
Vielleicht erfährt dabei so mancher Dauerkonsument von idiotischen Dschungelcamps und lächerlichen Talentshows sogar, daß es auch nach Goethe noch Leute gibt, die einen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Verfassen von Gedichten verbringen.
Der jüngste Mega-Auftritt einer Lyrikerin fand bekanntlich bei der Amtseinführung Barack Obamas statt. Die Auserwählte heißt Elizabeth Alexander, ist eine Freundin des neuen US-Präsidenten und war als Poetin bisher noch wenig bekannt. Ihr biederer ‘Lobgesang auf den Tag’, der immerhin die schöne Zeile ‘Wir tragen jeden unserer Vorfahren auf unseren Zungen’ enthält, bietet ansonsten wenig Anlaß,von einem originellen Poem zu sprechen. Und so kann man sich Durs Grünbeins in der ‘Frankfurter Rundschau’ geäußerter Meinung, daß es ‘ein eher schwaches Amtseinführungs-Gedicht’ und ‘ein braves Stück Alltagslyrik’ gewesen sei, nur anschließen.
Daß man historischen Ereignissen auch mit anderen Versen gerecht werden kann, hat jener Durs Grünbein erst vor kurzem anläßlich des Abrisses eines Bauwerks bewiesen, das einmal zu den Wahrzeichen der DDR gehörte. Bei ‘Welt Online’ konnte man staunend zur Kenntnis nehmen,was er unter dem Titel ‘Ein letztes Gedicht für den Palast der Republik’ mit poetischer Bravour zustande gebracht hat.
Bereits der Einstieg läßt einen fast den Atem anhalten: ‘Es gab mal ein Haus in Berlin, / Dort ging man zum Stasi-Ball hin’. In der nächsten Strophe gerät man dann schon in Atemnot: ‘Es gab mal ein Haus in Berlin, / Da tanzte die Honeckerin’. Und völlig aus dem Häuschen ist man bei Zeilen wie ‘Das Haus aber war ein Palast, / Darin hatte der Stahlwerker Spaß’ oder ‘Der Stil war Baracken-Barock, / Für manch Altgenossen ein Schock’. Bewundernswert auch, wie Grünbein den Glanz des ehemaligen DDR-Prachtbaus mit den folgenden Reimen eingefangen hat: ‘Aus dem Innern erstrahlten satt / Lichter, ein paar zehntausend Watt. / Alt aussehn im Abendverkehr / Ließ den Dom die Vitrine der DDR.’ Und so stolpert unser Groß-Dichter weiter mit tollkühner Rumpel-Lyrik durch die Strophen, dass sich die Verse biegen.
Da kann man Barack Obama fast schon gratulieren, daß seine Amtseinführung von einem braven Stück Alltagslyrik begleitet wurde. Man stelle sich nur vor, Durs Grünbein wäre ein US-Poet und von Obama gebeten worden, seine Premiere als Präsident mit einem Poem zu veredeln. Dann wäre die Welt vielleicht mit einem ‘Ersten Gedicht für den Präsidenten der USA’ und den Eingangszeilen ‘Es gibt ein Haus in Washington, / Dort herrscht ab sofort ein andrer Ton’ beglückt worden.
Nein – beenden wir diese Horrorvorstellung, schlagen einen der frühen Lyrikbände von Durs Grünbein auf und staunen, zu welchen Ausrutschern ein hochbegabter Dichter im nun leicht fortgeschrittenen Alter fähig ist. Was Elizabeth Alexander betrifft, so kennen wir noch zu wenig von ihr. Vielleicht hatsie ja mehr zu bieten als einen biederen Lobgesang.”
Axel Kutsch

Anton und Ingrid Leitner am 13.12.2008 im Atelier von Boerboom & Vogt (München)
Ganz herzlich möchte ich heute auch im Netz meinen Eltern Anton und Ingrid Leitner zu ihrem 70. Geburtstag gratulieren.
Mein Vater Anton Leitner Senior ist bekanntlich Autor in meinem Verlag, für den er eine Serie von sehr erfolgreichen Lateinlernhilfen (inzwischen über 20.000 verkaufte Exemplare) verfasste . Derzeit arbeitet er intensiv am vierten Band der Reihe Prüfung/Lösung/Übung, der im Frühjahr 2010 erscheinen wird. Er feierte am 20. Dezember 2008 im engsten Familien- und Freudeskreis seinen runden Geburtstag.
Anton Leitner Senior ist studierter Altphilologe und ein außergewöhnliches Sprachtalent. Neben Latein und Altgriechisch beherrscht er die englische und französische Sprache. Er spricht fließend italienisch und spanisch und verfügt desweiteren über Kenntnisse im Neugriechischen, Türkischen und Russischen. Von 1980 bis 2003 leitete er das von ihm gegründete Carl-Spitzweg-Gymnasium in Unterpfaffenhofen-Germering. Die Schule wurde überregional bekannt, weil der persönliche Führungsstil meines Vaters von einem menschlich-liberalen Umgang mit Eltern und Schülern geprägt war, die für ihn stets im Zentrum des Lehrbetriebs standen.
Meine Mutter Ingrid Leitner feiert am morgigen 12. Januar 2009 ihren 70. Geburtstag. Sie verwandte große Geduld, insbesondere auf meine musische Erziehung, und ihr habe ich es wohl entscheidend mit zu verdanken, dass ich meine vielfältigen Ideen auf denjenigen Bereich konzentrieren konnte, den ich vermutlich am besten beherrsche: Die deutsche Sprache. Wie oft hat sie mir als Schüler und Student den Rücken freigehalten!
Ich sage meiner Mutter und meinem Vater ganz herzlich “danke” und betrachte es als besonderes Glück, in diesem Elternhaus aufgewachsen zu sein. Zum Doppeljubiläum habe ich meinen Eltern ein Gedicht aus dem Nachlass von Rainer Maria Rilke ausgesucht, das mir gerade zu diesem Anlass sehr passend erscheint:
SPAZIERGANG
Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an –
und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.
Rainer Maria Rilke
