»Mundartdichtung ohne Heimattümelei«: der neue Gedichtband von Anton G. Leitner

Anton G. Leitner mit seinem neuen Gedichtband »Wadlbeissn«. Foto: Peter Boerboom

 
eine Buchvorstellung von Jan-Eike Hornauer

[erstmals erschienen ist dieser Artikel am 20. Mai 2021 auf »DAS GEDICHT blog«, von dort ist er übernommen]
 

Mit »Wadlbeissn« ist kürzlich Anton G. Leitners zweiter Dialekt-Lyrikband erschienen – zwar, wie auch schon der Vorgänger »Schnablgwax«, stets mit hochdeutschen Übertragungen, die sowohl dem Verständnis dienen als auch einen augenzwinkernden Zugewinn bedeuten. Doch ganz klar: das Bayerische steht hier im Mittelpunkt, in Sprache, Denke, Wesensart.

»Mundartlyrik ohne Heimattümelei« attestiert Fitzgerald Kusz dem neuen Band im Vorwort. Und das sagt schon etwas aus, denn der Franke ist selbst hochdekorierter Mundartdichter (u. a. Bundesverdienstkreuz am Bande und Bayerischer Dialektpreis) sowie ein wahrer Pionier auf dem Gebiet des literarischen Dialektgebrauchs: Er formuliert seine kritischen und poetischen Weltbetrachtungen seit Jahrzehnten in seiner Muttersprache, also auf Fränkisch.

In seinem Vorwort für »Wadlbeissn« betont Kusz: »Gerade in Zeiten, in denen man am Zeitgeist eigentlich nur noch verzweifeln kann«, komme dem Satirischen eine besondere Bedeutung zu. Und »mit der ganzen Sprachkraft seines bairischen Dialekts« schaffe es Anton G. Leitner, »den Finger in jede nur erdenkliche Wunde« zu legen, und zwar so, »dass Beifall von der falschen Seite ausgeschlossen« sei.

Im Bayerischen Rundfunk urteilt man offenkundig ähnlich positiv über den Band: Der BR hat »Wadlbeissn« umgehend zum »Bayern 2 Buch-Favorit« erklärt und den Dichter aus Weßling in seine Favoriten-Sendung eingeladen. Am 4. Mai hat Moderator Christoph Leibold die neuen oberbairischen Verse ausführlich und lobend präsentiert und den »Wadlbeissn«-Autor interviewt (BR 2-Favoriten-Sendung vom 4. Mai 2021).

Kritisch-satirische Grundhaltung

Wer »Wadlbeissn« aufblättert, findet Kusz’ Einschätzung rasch bestätigt: In der Tat durchzieht eine kritisch-satirische Grundhaltung den ganzen Band. Was nicht bedeutet, dass hier ein Schenkelklopfer auf den nächsten folgt oder stille Poesie keinen Platz findet. Nein, gemeint ist vielmehr eine Sicht auf die Welt, die den Geist weiten will statt verengen, die nicht vorverurteilen will, doch weiß, dass es am Ende ein Urteil durchaus braucht – und man mit Humor einfach mehr ertragen und wohl auch verändern kann.

Es geht um die Perspektive von einem geselligen Mannsbild, das so erdverwachsen ist, dass für ihn selbst eine Urlaubsreise an sich ein Gräuel darstellt und er bis heute in seinem Heimatort, seinem Elternhaus gar lebt – und der doch Offenheit, Reflexion, Weitläufigkeit der Gedanken sucht und von anderen, mit Recht, einfordert. Heimatverbundenheit und Engstirnigkeit gehören für Leitner nicht zusammen – und das Spiel mit der Ironie wendet er vor allem auf die Gegend, auf das Land an, ohne das er weder kann noch will. Die »Wadlbeissn«-Verse sind eine Auseinandersetzung mit Heimat – kritisch, gewitzt und auch mal sentimental.

Für die Zweisprachigkeit des Bandes gilt: Dadurch, dass im Preußen-Schriftlichen die Penibilität und Geschraubtheit gegenüber der bairischen Fassung – bei aller Nähe zum Original – gerne mal erhöht wird, ergibt sich nicht nur ein erleichtertes Textverständnis auch für den im Bairisch-Lesen Ungeübten, sondern darüber hinaus oft ebenso ein humoristischer Zugewinn.

Nur selten einmal stößt die Übersetzung auch ungewollt an echte Grenzen. Ein Beispiel hierfür: Mag das »Tuabopfeadl« (so ein Gedichttitel recht zu Beginn der Sammlung) als Ausdruck für einen PS-starken Wagen noch Sinn ergeben, so muss man die direkte Übertragung als »Turbopferd« wohl als semi-geglückt bezeichnen. Doch solche Fälle sind die Ausnahmen, sie sorgen dann nur noch für ein besseres Verständnis des Originals. Gemeinhin aber erweitern die Übertragungen das Vorbild eben noch in Deutungsraum, Witz und Tiefe und sind für sich genommen gültig.

Typisch für das Vorgehen im satirischen Sinne ist, dass in »Kiachwei« (»Kirchweih oder Kirchliche Arbeitnehmerin«) das Original »De Dodschn in da Kiachgmoa warn so / Saua« übersetzt wird mit: »Die wenig mit Charme gesegneten Schäfchen seiner Gemeinde waren / Darüber so erbost«. Und wenn es in »Recht intensiv« im Hochdeutschen sehr ausufernd heißt: »Erster Studientag an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, / Auditorium maximum, ich wäre ganz schön verloren gewesen / Unter so vielen Kommilitonen, wenn nicht …« So wird in der oberbairischen Fassung nur knapp ausgesagt: »Easda Dog Rechdsvadrearei, / Audimax. I waar valoan gwen / Undda so vui Leid, wenn need …«

Das Kreuz mit der Familie: Dorfleben, Kirchengemeinde, Schulzeit und Co.

Das Buch ist in drei Kapitel eingeteilt, das erste »Des wead scho, Bua« (»Junge, du schaffst das schon«) überschrieben, befasst sich mit Jugend und Familie, mit erster Liebe (samt Schiebertanzen zu »Morning has broken« plus dem nostalgischen Blick von heute darauf) und (Ver-)Bildungserfahrungen, wobei neben der eigenen Zeit der Adoleszenz (inkl. Schullandheim) auch die heutige Jugend (inkl. Homeschooling) thematisiert wird. Doch es greift zudem weit darüber hinaus, geht aufs traditionelle Dorfleben (inkl. Kirchenthemen) ein und auf die (vergeblichen) Versuche des Erwachsen- und Flüggewerdens, in einem Alter, in dem man es laut Personalausweis schon lange, lange ist.

Die Lösungs-Versuche sind gar nicht so einfach und erst recht nicht ohne doppelten Boden, wie etwa »Aufobbfan« (»Aufopfern«) beweist, ein Gedicht, in dem die Trennung von den Eltern erst durch die mit ordentlich schwarzem Humor dargestellte finale, also tödliche Lösung aus Raffgier (die Tochter will das Familienvermögen für sich alleine) gelingt – womit das Gedicht auch direkt inhaltlich mit einem doppelten Boden schließt, nämlich der Verlagerung vom üblichen Erdboden auf den Grabboden. Und es wird aufgezeigt, dass die Frage, wie das mit dem Aufopfern letztlich gemeint ist, nicht immer so eindeutig ist: Die Tochter, die von sich behauptet, sie habe sich aufgeopfert, wird hier zur Täterin, der Vater, verliert durch sie Haus und Leben, wird von der Tochter aber eher als Täter begriffen …

Der Mensch Anton G. Leitner ist da deutlich harmloser als diese Protagonistin, zumindest wenn man seinem Gedicht »Du frogsd mi Sachn« glaubt. Und warum sollte man das nicht? Er hat es seiner Mutter Ingrid zum 80. geschrieben, und er erklärt in ihm: »Drum bleima / Zam, solang / Wias geed«.

Von großer Treue und Beständigkeit zeugt auch »Kleine Welt Runde mit F.« – vor Jahrzehnten hat es Leitner für seine Frau Felizitas geschrieben, nun liegt es auch in bairischer Übertragung vor, und dass es dem Band vorangestellt ist, passt nicht nur zu seiner Qualität, sondern zeigt auch, welche Bedeutung diese enge partnerschaftliche Bindung für den Dichter hat.

Und so, das wird klar, steht er ganz gut im Leben, auch wenn er sich in »Heazibumbbal« denkt: »Zefix! / Doni, ezad weasd oid!« Aber mit knapp 60 (diesen Sommer steht Leitners 60. an – und auch deswegen hat er »Wadlbeissn« jetzt herausgebracht, als Geschenk an sich und seine Leser zum runden Geburtstag) darf man sich das auch mal denken. Hauptsache, man legt sich damit dann nicht selbst zum alten Eisen. Aber die Gefahr ist bei dem umtriebigen Weßlinger Urgestein mit angeborenem Energieüberschuss wohl kaum gegeben.

Derber Humor und romantische Ader

Wie derb sein Humor auch sein kann und dabei doch wieder unterschwellig elegant, das zeigt »Oida Wixa« – dieser Gedichttitel wird nicht nur mit »In die Jahre gekommener Onanist« recht witzig-spritzig übersetzt, sondern zudem wird tatsächlich ein sich treuer, standhafter Junggeselle als Masturbierender gezeichnet – im knappen Haiku, einer hochtraditionellen und altehrwürdigen Gedichtform aus Japan.

Doch Leitner kann auch anders: Mit quasi romantischem Witz und durch die Zeilen sichtbaren sympathischem Augenblitzen erzählt er, wie er damals als angehender Jurist eine Kommilitonin für sich zu begeistern wusste und dann das Studium in den nächsten Semestern verlief: »Und der Stoff ist uns / Nie ausgegangen, obwohl wir / Meist unbekleidet waren.« Diese Stelle mag hier auch als ein Beispiel dafür dienen, dass die Übersetzungen immer wieder auch »einfach nur« für sich stehende Versionen sein können – mit nicht weniger poetischem Charme als die Dialektfassungen.

Spätestens aber im Gesellschaftskritischen lässt Leitner gerne den satirischen Gaul durchgehen, wie etwa hier:
 

Die Kinder von den Eltern der Generation
Ich-Ich-Ich werden immer noch schlauer

»Ich verteile nur noch sehr gute Zensuren«,
Sagt der Lehrer,
»Dann erspare ich mir den Ärger
Mit den Rechtsanwälten
Der Eltern, und meine Schüler
Benoten mich dafür mit Zwei plus im Evaluierungsbogen.«

De Kinda vo de gscheadn Äiddan
wean oiwei no gscheida

»I teil nua no Oansa aus«,
Sogd da Leera,
»Nachad gibds koan Eaga mea
Mid de Rechdsvadrea
Vo de Äiddan, und de Schüla
Gem mia aa a guade Nodn.«
 

Doppelmoral, Corona und große Polidigg – Gesellschaft kritisch im Blick

Der zweite Teil von »Wadlbeissn« heißt »Koana huifd da beim Woana« (»Keiner hilft dir beim Weinen«). Er birgt aktuelle Gesellschaftskritik in bairischen Versen (und freilich wieder hochdeutschen Entsprechungen). Hier geht’s etwa um »Greenwashing« (»Grea ogmschiad«) von Firmen und Politik und eine sozial wie ökologisch desolate Subventionspolitik, wenn etwa der Kauf von Luxusautos, wie hochgerüsteten Elektro-SUVs, massiv gefördert wird, und es wird kritisiert, dass im Straßenverkehr im Zweifelsfall das Recht des Stärkeren gelte (»Da Owa schdichd an Undda« ist hier im Bairischen die schafkopfmetaphorische Überschrift, »Groß und Klein« heißt das kurze Gedicht im Hochdeutschen, was etwa an Hans Fallada denken lässt – also ganz andere, aber nicht weniger passende und ebenfalls volksnahe Assoziationsräume aufmacht).

Es geht um die »German Angst« (in der dialektalen Version »Bärig-bairische Angsd«) einer Gruppe neurechter »Schbazia-Bia-Dringga« (»Wegbier-Verzehrer«) und um die selbstherrlichen »Kannabäpanza«, also Rentner, die mit ausufernden Elektro-Fahrradkombinationen (Dreirad mit Anhänger) und ebenso unbedachter wie selbstherrlicher Unverforenheit den Ausflugsraum (und übertragen auch den gesellschaftlichen Raum) für sich beanspruchen. Dieser »rausgefressne, kaasige Renddna« (»überernährte, bleichgesichtige Ruheständler«) und »sei Drachaweiwaz« (»seine matronenhafte Ehefrau«) begegnen einem im Gedicht »Am Sonndag aufm Kannabä ins Greane« (»Am Sonntag auf dem Sofa ins Grüne«).

Dem Thema Doppelmoral nimmt sich »Noch de Feiadog« (»Nach den Feiertagen an«), hier werden Weinflaschen im großen Stil verschämt von all denen entsorgt, die sonst immer Enthaltsamkeit predigen. »Do schaungs saubläd aus / Da Wäsch«, all die Wasserprediger-und-Weintrinker, wenn sie sich dort – im doppelten Sinne – selber begegnen am Altglascontainer.

Dem Thema Corona wird auch Platz gegeben; etwa wenn es um die mehrfach fragwürdige Beschaffung von »moadsvui Massgn« (»ausreichend Atemschutzmasken«) durch den Staat geht in »Ma huifd, wo ma ko« (»Man hilft, wo man kann«) oder um die teils launig abgehandelte Frage von Lockdown und Freiheit. Zudem werden verengte öffentliche Diskursräume pointiert moniert (in »De Gschroamauladn nochgem«, »Den Schreihälsen nachgeben«), es findet sich »Da Schlüssl zu Brüssl« (im Hochdeutschen »Der EU-Code«), es werden »Polidigga / beim Woadd gnomma«, im letzteren Fall zeigt sich dann: »A jeds Vaschbrechn / A Vaschbrecha« (Hochdeutsch lautet das Gedicht: »Politik / auf dem Prüfstand: // Ein jedes Versprechen / Ein Verspecher«), und es wird der »Hinddabänggla« kritisch beleuchtet.

Krieg und Flüchtlingskrise – nicht vorbei, nur ausgeblendet

Dass die Themen Krieg und Flüchtlingskrise nicht vorüber sind, aber beständig Gefahr laufen, einfach aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden, machen zwei Gedichte deutlich. Zum einen das kapiteltitelgebende »Koana huifd dia beim Woana«, in dem einem SPD-Kommunalpolitiker die Autoreifen aufgeschlitzt werden, weil dessen Frau in der Flüchtlingshilfe engagiert ist.

Zum anderen das Poem »Njusfläsch-Abbgräid Zwoaachdzeen« (»Newsflash-Upgrade 2018«), in dem hinterfragt wird, wie Nachrichten funktionieren – und wie sinnhaft es ist, dass Fußballnews in Eilmeldungen durchgegeben werden, aber der Krieg in Afghanistan schleichend aus den Nachrichten verschwindet. Es beginnt: »Mei Händi hod friara imma / Blobb gmachd, wenns unndn / In Kabuul oan zrissn hodd. Heid / Zreissds doadn no meara Leid, // Awa mei Händie machd koan / Muggsa mea.«

Heazschboadd, Hygienekonzepte und Cognac-Cola-Weißbier

Das leibliche Wohl ist die Klammer, die das dritte und letzte Kapitel zusammenhält. Dabei ist sie durchaus als weit gefasst zu verstehen: Sie meint kulinarische (und auch spirituelle) Genüsse ebenso wie die Orte, die zu ihnen gehören, persönliche Krankheit, Spitalserlebnisse und Covid ebenso wie Sex und den Tod an sich. Dass leibliches Wohl auch sehr trügerisch daherkommen kann, weiß Anton G. Leitner, der 2018 eine doppelseitige Lungenembolie und 2019 einen Herzinfarkt hatte, sich davor aber jeweils fit fühlte, nur zu genau. Gewiss auch deshalb trägt dieses Kapitel die Überschrift »Da scheene Schein« (»Der schöne Schein«).

Es beginnt mit einem melancholisch-augenzwinkernden Bericht aus der »Oa-Mo-Heazschboaddgrubbn« (»Ein-Mann-Herzsportgruppe«); in ihm attestiert er sich, dass er nun, offenkundig via Ergometerrad, »Auf da Schdäi / Um d’ hoibe // Wäid / Gradld« ist (»Auf der Stelle / Um die halbe // Welt / Geradelt«). Im insbesondere numerisch sinnvollerweise folgenden »Zwoabeddzimma« ereilt ihn dann die Erkenntnis: »Selbst die beste Krankheit / Taugt halt nichts.« (»De scheensde Grangheid / Daugd hoid nix.«)

Nicht weniger humorvoll stellt er dann im nächsten Poem fest, dass der Arzt und der Vater beide das Gleiche von ihm wollen, nämlich dass er möglichst viel trinkt, auch wenn er es doch nicht verträgt. Der feine Unterschied: Spricht der Arzt vom Wasser, nötigt der Vater ihm eine Gesund-mach-Mischung nach altem Familienrezept (dunkles Weizen, Cola, Cognac) auf. Diese führt zum Magenauspumpen und also wieder ins Krankenhaus, wo nun erneut eine »Wasserfolter« anhebt, der grauenvolle Kreislauf ist perfekt. Bezeichnenderweise trägt dieses Gedicht im Hochdeutschen den Titel »Kassensprechstunde« und im Bairischen heißt es »Bauanschbrechschdund«.

Das Thema politisch-wirtschaftlicher Etikettenschwindel, wie schon bei den Öko-SUVs, greift Leitner in »Da Ladn brummd« (»Das Geschäft läuft«) wieder auf – auch hier steht übrigens ein neues Auto am Ende, eigentlich geht es aber darum, dass das hier als Bio-Fisch verkaufte Flossen-Gut tatsächlich industriellen Fischfarmen entspringt, so dass die Verbraucher getäuscht sind und der Händler in seinem Feinkostgeschäft an ihrem guten Willen verdient, ohne dass Natur, Umwelt, Fische etwas davon hätten.

Kulinarik und Corona kommen schließlich zusammen, wenn es ums »Spatzenfasten« (»Obschbozn«) geht: Die Biergärten sind geschlossen, wo sonst reichlichst für die gefiederten Gierhälse abfällt, können sie nun lediglich »Ihre Schnäbel / An leeren Holztischen / Wetzen« (im Oberbairischen ist der Spatz solo, hier heißt es, er müsse »Sein Schnabl / Ans Dieschegg hi- / Wezzn«).

Gewiss auch für ihn bedeutet es dann einen »Hoffnungsschimmer«, wenn im Lockdown die Sonne zwischen den Wolken hervorblitzt, doch es bleibt ein »Blassa Schimma« (so der bairische Titel). Und als im nächsten Gedicht an den Hundstagen (»Hundsdog« – im schriftlichen Dialekt auch ein ins Absurde führende Wortspiel mit dem Englischen) die Biergärten dann doch offen haben, stürzt sich das lyrische Ich quasi ausgedörrt auf den Krug – seelisch noch mehr verdurstet als körperlich. Ein »Flodda Oana aufm Männagloo« (»Flotter Einer auf der Herrentoilette«) hätte für ihn zwar nicht sein müssen (hier geht es um einen »Gschdönbiesla«, einen »Stöhnpisser«, der neben ihm – und auch sich – steht), doch immerhin hat es nachfolgend dann innovative Gedanken zum »Hygienekonzept« (»A sauwana Sach«) parat. Passend dazu schleicht es sich übrigens später auch noch als Tod auf den Maskenball einer Pflegestation …

Kirche, Sex und Todeslisten

Doch zunächst unternimmt das lyrische Ich einmal eine »Woifaad« (im Hochdeutschen »Wallfahrt oder Wohlfahrt«), diese zeigt dann ganz den bayrisch-katholischen Genussmenschen und hebt so an: »De Glosdaboazn / Hod zua ghabd, oiso / Hamma in d’ Kiach eini- / Gschaugd.« (»Die Klosterwirtschaft / War geschlossen, also / Kehrten wir in der Kirche / Ein.«) Auf dieses Kirchenerlebnis folgt eine Anekdote mit Nonne in freier Wildbahn und hierauf eine Erinnerung an herrlichen Sex in »Foaewwa jang« (»Ewige Jugend«).

Der Band schließt ernst, poetisch, versöhnlich mit zwei kleinen Texten, die das Zeug dazu haben, lange nachzuhallen: »Wos kummd« (»Was kommt«) und »Da scheene Schein«. Behandelt das erste der beiden Poeme das Altern, das Einsamerwerden, da die selbst geführte Liste der Toten wächst und wächst, bis man selber dran ist, ruft das zweite im ganz humanistischen Sinne zu mehr Entspanntheit auf, zum Zulassen auch hinterfragbarer Sichtweisen, wenn sie denn dem persönlichen und gewiss auch allgemeinen Frieden dienen.
Beschließen soll diese Buchvorstellung das Todesgedicht im bairischen Original:

 
Wos kummd

D’ Lisdn
Vo dene, de
Nimma do san,
Wead oiwei no
Länga und länga
Und länga und länga und länga,

Bisd am End säiwa
Draufschdeesd.






Bibliografische Daten:

Anton G. Leitner
Wadlbeissn
Zupackende Verse
Bairisch – Hochdeutsch
Volk Verlag
Mai 2021
Hardcover, SU, Lesebändchen
200 Seiten, 18,- Euro
ISBN 978-3-86222-352-7




Waschzettel zum Buch als PDF: https://www.dasgedichtblog.de/wp-content/uploads/2021/05/Leitner-AntonG_Wadlbeissn_Volk-Infos_plus-3-Gedichte.pdf

Ausführliche Leseprobe als PDF: https://www.dasgedichtblog.de/wp-content/uploads/2021/05/Leitner-AntonG_Wadlbeissn_Volk-Leseprobe_30-Seiten.pdf

»Wadlbeissn«: Anton G. Leitners neuer bairisch-hochdeutscher Solo-Gedichtband

 

»Wadlbeissn« heißt der rund 200 Seiten starke neue Solo-Band Anton G. Leitners, der neben bairischen Versen auch deren hintersinnige hochdeutsche Nachdichtungen durch den Autor selbt enthält. Soeben ist er in hochwertiger Ausstattung – Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen – im Volk Verlag (München) erschienen. Nach »Schnablgwax« (Editionen Lichtung / DAS GEDICHT 2016) soll auch er quasi zugleich dem Volk aufs Maul schauen, seine Affekte hinterfragen und es, wo es nötig ist, denen da oben mal ordentlich heimleuchten.

»mutig und ziemlich gut« – Pressestimmen zum Vorgänger

»Leitner dichtet aufsässig und offensiv, niemals nur lieblich, wenn dann schon innig, intim und zugespitzt, und das macht den Reiz aus. Mutig ist das, und ziemlich gut.« So war etwa auf Bayern 2 als Urteil über »Schnablgwax« zu hören. Und Alexander Altmann befand im Münchner Merkur zu Leitners erstem Mundartband: »Der Clou ist, dass es Leitner gelingt, den Denkrhythmus zu spiegeln, der dem ›Native Speaker‹ des Bairischen eigen ist.« Dass auch die Süddeutsche Zeitung ihn behandelte, mag wenig überraschen, Sabine Reithmaier fand ihn »vergnüglich zu lesen«. Dass selbst der ferne rbb über ihn berichtete, ist aber bemerkenswert: Salli Sallmann attestierte hier: »Leitners Verse entspringen immer dem vollen Leben«, und er lasse »mit ihnen die Fassaden bröckeln«.

»Versreporter mit kabarettistischem Biss« – Klappentext von »Wadlbeissn«

Auf dem Gipfel der subversiben Mundartdichtung: Anton G. Leitner ist seit jeher ein Poet des Realen, der falsche Heimattümelei vom Kopf auf die Füße stellt. Indem er Situationskomik und Sozialkritik in seine Muttersprache einbettet, gelingt ihm ein »pointiertes Portrait bayerischer Wesensart« (MUH-Magazin). Leitners minutiöse Beobachtungsgabe macht ihn zu einem investigativen Vers-Reporter mit kabarettistischem Biss und hohem Unterhaltungswert. Damit der fließende Rhythmus des Bairischen auch jenseits weiß-blauer Horizonte neue Resonanzböden findet, hat der Autor jedem seiner 67 Mundartgedichte eine Nachdichtung ins Hochdeutsche beigesellt.

Der Autor befindet: Schmackhaft sind die neuen Verse! Nun muss nur noch das Publikum probieren. Foto: Peter Boerboom

 

Bibliografische Daten
zum oberbairischen Lyrikhappen:

Anton G. Leitner
Wadlbeissn
Zupackende Verse
Bairisch – Hochdeutsch
Volk Verlag, Mai 2021
Hardcover, SU, Lesebändchen
200 Seiten, 18,- Euro
ISBN 978-3-86222-352-7

   

               

 

Leseproben aus »Wadlbeissn«

Da scheene Schein

Need oiss, wos is,
Is aa so, wiasd moansd,
Dass is. Awa

Wennsd moansd, dass so
Sei soi, nachad lassmas
Hoid so sei.

 

Der schöne Schein

Nicht alles, was ist,
Ist auch wirklich so, wie du
Meinst. Aber

Wenn du wirklich meinst, dass es so
Sein soll, dann lassen wir es
Halt so sein.

 

* * *

A wuida Brumma

»Do schaug hea
Auf mein Busn, do
Hod mi a Webbs
Gschdocha«, sogds
Ganz webbsad und
Reissd iran AusSchnidd
auf in Dobbe-
Dee, woi awa beim
Näa Hischaung
Goa koan Schdiech
Siech – und aa koan
BeeHaa, sondan
Oiss nua no dobbed
Und vaschwomma.
Und grod summa
Duads und brumma
In meim Kobbf.

 

Der schöne Schein

»Da, schau mal
Auf meinen Busen, da
Hat mich eine Wespe
Gestochen«, sagt sie
Ganz aufgestachelt und
Reißt ihren Aus-
Schnitt auf in Größe Doppel-
D, wo ich aber bei
Näherer Betrachtung
Gar keinen Stich
Entdecken kann – und auch
Keinen Büstenhalter, stattdessen
Seh ich alles nur noch doppelt
Und verschwommen.
Und es summt und
Brummt wie wild
In meinem Kopf.

 

* * *

A sauwane Sach

Schbugg da
A boa Moi
In d’ Hend
Und schlog
Danoch ei
Bei oam,
Dea di
Üwan Diesch
Ziang wui.

 

Hygienekonzept

Spuck dir
Mehrfach
In die Hände
Und schlag
Danach ein
Bei einem,
Der dich
Über den Tisch
Ziehen will.

 

A sauwane Sach

Hervorgehoben

Schbugg da
A boa Moi
In d’ Hend
Und schlog
Danoch ei
Bei oam,
Dea di
Üwan Diesch
Ziang wui.

Anton G. Leitner


aus:
Anton G. Leitner
Wadlbeissn. Zupackende Verse
Volk Verlag 2021
200 S., Hardcover, 18,- €
www.wadlbeissn.de

mit hochdt. Übersetzungen durch den Autor:

Hygienekonzept
Spuck dir / Mehrfach / In die Hände
Und schlag / Danach ein / Bei einem,
Der dich / Über den Tisch / Ziehen will.

 

Neuer Lyrikclip: »Ausufan« von Anton G. Leitner

Die beiden Altmeister Jörg Reuther und Pavel Brož (in dessen Ideenschmiede u. a. die großartigen Trailer zum fünf seen filmfestival / fsff entstanden) trafen sich am Dienstag, 29.11.2016, mit mir am Ammersee, um zwei Stunden lang bei Minusgraden die Außenaufnahmen für meinen neuen Lyrikclip »Ausufan« zu machen. Gegen den kalten Ostwind auf dem Steg half dem Protagonisten da nur noch eine doppelte Lage langer Unterwäsche… Den Fisch und das Steak haben die beiden Filmkünstler dann leider ohne mich in die Pfanne gehauen, gedreht und verspeist.
»Ausufan« ist eines meiner ernsteren »Schnablgwaxe«. Ursprünglich entstand es für den Band »Stege« (Bauer-Verlag), herausgegeben von Maren Martell, in dem es vorabgedruckt worden ist.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Ansehen!
https://youtu.be/mULZ_pF8oqE
Ich freue mich sehr über das gelungene Ergebnis und möchte Ihnen heute zusätzlich ein paar Einblicke und Behind-the-scenes-Aufnahmen von den Dreharbeiten präsentieren!

Deutsche Lyriker-Elf kommentiert die Fußball WM 2014 online – aus Weßling

»Eine Anthologie zur Fußball-Weltmeisterschaft funktioniert nicht: Denn diejenigen, die sich für Fußball interessieren, lesen keine Gedichte«, sagte mir eine Cheflektorin eines großen Verlagshauses, als ich ihr vor zwei Jahren eine solche Sammlung zur WM 2014 vorschlug. Weil ich es genauer wissen wollte, entschloss ich mich, die Probe aufs Exempel zu machen und lud ich den jungen Münchner Lyriker Jan Eike-Hornauer ein, für dasgedichtblog.de, das Internettagebuch meiner Zeitschrift DAS GEDICHT, eine gemischte Dichter-Elf von Poetinnen und Poeten aus ganz Deutschland aufzustellen. Die Lyriker-Elf sollte möglichst zeitnah, also fast »live«, einzelne Spiele der Fußball-WM 2014 in Versen kommentieren, außerdem auch Randerscheinungen rund um die WM poetisch beleuchten. Jeder mitspielende Dichter musste sich lediglich verpflichten, mindestens ein Gedicht zur WM 2014 abzuliefern.
Bereits nach wenigen Tagen ist das Ergebnis erstaunlich: 24 Folgen mit Fußballgedichten zur WM konnten bereits erscheinen und mehrere tausend Zugriffe auf dasgedichtblog.de bzw. auf die öffentliche Fanseite von DAS GEDICHT bei Facebook sind doch schon ein respektables Vorrundenergebnis? Vor allem nach dem ersten Deutschlandspiel gerieten unsere Lyrik-Seiten zur Fußball WM 2014 im Internet wegen Überlastung an ihre Kapazitätsgrenzen.
Ist die These der Lektorin also bereits innerhalb weniger Tage widerlegt? »Ich schaue mir die Spiele nur auf Eurem Blog an«, kommentiert ein Blog-Leser am heutigen Freitag, den 20. Juni 2014 einen geteilten Fußballgedicht-Link. Ich bin jedenfalls schon ziemlich gespannt, wie es in den nächsten Tagen weitergeht mit unserer Dichter-Elf zur WM unter der Spielleitung von Jan-Eike Hornauer – und natürlich auch mit der WM selbst.
Wer sich die folgenden Verskommentare unserer Dichter-Elf zur WM anschaut, wird sehen, dass sich angenehm vom peinlichen »Boah ey«-Journalismus einzelner deutscher WM-Fernsehjournalisten unterscheiden, allen voran ZDF-Sportstudio-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, man denke nur an ihr peinliches Füßlein-Plantsch-Interview mit Lukas Podolski aus dem WM-Hauptquartier der deutschen Mannschaft …
Vom Leder gezogen
Verskommentare der deutschen Lyriker-Elf von dasgedichtblog.de zur Fußball WM 2014 in Brasilien:
Imma wenna Fuaßboi schaugt von Anton G. Leitner, Weßling (Folge 24)
»Hans Karl, König von Spanien, versucht vor dem sauwichtigen Spiel gegen Chile seine Mannschaft unter Druck zu setzen, die sich aber für so blöd nun wieder auch nicht verkaufen lässt« von Michael Augustin, Bremen (Folge 20)
Deutschland – Portugal von Jan-Eike Hornauer, München (Folge 19)
Messias von Franziska Röchter, Verl / NRW (Folge 18)
Das kickt – ein Thomas-Müller-Gedicht von Alex Dreppec, Darmstadt (Folge 13)
Aus der Reihe »Verlierer« heute: Rooney von Hellmuth Opitz, Bielefeld (Folge 11)
In letzter Sekunde (zum Spiel Schweiz – Ecuador) von Melanie Arzenheimer, Eichstätt (Folge 10)
Finale Prognose von Michael Hüttenberger, Darmstadt (Folge 1)