dtv-Anthologie “power” unter den „50 besten Kinder- und Jugendbüchern 2010“

Liebe Leserinnen und Leser,

2009 war ein Jahr, das mir bislang nichts geschenkt hat. Aber es war auch eines meiner kreativsten Jahre überhaupt. Innerhalb von sechs Monaten erschienen fünf Anthologien bei dtv und eine Anthologie bei Reclam.

Die ununterbrochene Arbeit hat sich gelohnt, wie es scheint. Denn meine neue dtv-Anthologie „power“ (hier eine Leseprobe) gelangte in den viel beachteten Kanon Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“, der traditionell auf der Frankfurter Buchmesse von Nicola Bardola präsentiert wird. Der renommierte Buchexperte Bardola stellt schon zum fünften Mal die 50 besten Kinder- und Jugendbücher der laufenden Buchsaison vor. Dabei wird er von einer prominenten Jury von Autoren, Journalisten und Buchhändlern unterstützt.

9783423137775_power300dpi„power ist eine schmale Poesiesammlung, eine Brausetablette im Büchermeer, die es in sich hat und jungen Menschen zeigen kann, wie wichtig gute Gedichte heute sind. Keine andere literarische Gattung geht so sorgfältig mit Sprache um wie die Lyrik. Wer Lyrik liest, ist gewappnet für jegliche Form von wertvollen Texten bis hin zum täglichen Sprachmüll. […]. Es sind viele High-speed-Verse dabei, die vom Gasgeben, von Stampeden, von bouncenden Bässen in Bassboxen oder von Propellern, die gesprossen sind an Ober- und Unterschenkeln erzählen: da burnst du baby yeah. Lies doch mal!“, heißt es in der Begründung, die ab November sogar in Buchform nachzulesen ist, nämlich in: Nicola Bardola, „Lies doch mal! Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“ (cbj).

Mich freut es besonders, dass “power” den Sprung unter die Top 50 der Kinder- und Jugendbuchsaison 2009 geschafft hat, da es ja eigentlich im “Erwachsenprogramm” bei dtv erschienen ist. Aber ich hatte mir die innere Vorgabe auferelgt, dass diese Sammlung (sowie ihre beiden Schwestern “relax” und “smile”) besonders auch junge Leserinnen und Leser ansprechen soll.

Soviel für heute. Jetzt aber hinaus ins Freie, um noch einige Sonnenstrahlen zu erwischen!

Herzliche Grüße
und bis bald an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner

Neue Ausgabe der Zeitschrift “Das Gedicht” erschienen: Mitherausgeber Friedrich Ani plädiert für mehr Mut in der Gesellschaft

P r e s s e e r k l ä r u n g

DAS GEDICHT Nr. 17

DAS GEDICHT Nr. 17

(Weßling) – Die buchstarke Jahresschrift “Das Gedicht” widmet ihre 17. Folge dem Thema Angst. Unter dem Motto “Fürchte dich nicht – spiele!” präsentieren die Herausgeber Friedrich Ani und Anton G. Leitner 99 Gedichte mit Mut zum Übermut.

77 Lyriker aus allen Generationen weisen poetische Wege aus der Furcht. Das Spektrum reicht vom fünfjährigen Yunus aus Berlin-Kreuzberg über den Münchner Lyrik-Debütanten Leander Beil (geboren 1992) bis zu Friederike Mayröcker (Jahrgang 1924). Die Wiener Grande Dame der Poesie besiegt ihre Todesangst in Versen: “Was für 1 Wunder, dasz ich lebe!”  Der ehemalige DDR-Regimekritiker Lutz Rathenow (Berlin) leistet Amok-Prävention. “Die Krise küsst uns glücklich”, dichtet er und stellt sich so der Rezession. Auch Franzobel, Helmut Krausser, Albert Ostermaier, Matthias Politycki und viele andere beleuchten in ihren neuen Gedichten die verschiedenen Facetten der Angst. Anja Tuckermann, Trägerin des Deutschen Jugendliteraturpreises, steuert ein Bonus-Kapitel mit Texten ganz junger Poeten (zwischen 5 und 11 Jahre) bei.

Friedrich Ani, Mitherausgeber von DAS GEDICHT Nr. 17

"Einbildung ist die Krankheit der Gegenwart" - Friedrich Ani (Mitherausgeber von DAS GEDICHT 17)

“Einbildung ist die Krankheit der Gegenwart”, diagnostiziert Friedrich Ani im Essayteil und stellt fest: “In Wahrheit schreckt uns nicht der Wecker aus dem Schlaf, sondern die Angst, der Tag könnte schneller sein als wir.” Ani und Leitner fragen Bayerns evangelischen Landesbischof Dr. Johannes Friedrich nach der Notwendigkeit von mehr “Zivilcourage”. Die aktuellen Gewalttaten von Jugendlichen in München-Solln und Ansbach zeigen die Brisanz dieser Thematik. Schulleiter Peter Borjans-Heuser sammelte lange Jahre praktische Erfahrungen in der Konfliktintervention mit aggressiven Teenagern. In seinem Aufsatz für die Zeitschrift “Das Gedicht” ergründet er, warum sich Lehrer heute vor ihren Schülern fürchten.

Als erfahrener Lyrikherausgeber kennt auch Anton G. Leitner existenzielle Ängste. Seit 17 Jahren trotzt er der zunehmenden Kommerzialisierung in der Buchbranche. “Wer nichts wagt, gewinnt nichts, im realen Leben wie in der Poesie”, lautet bis heute sein Credo.

Inhaltsverzeichnis und Editorial / Leseprobe

(Das Gedicht Nr. 17 / 2009/2010: “Fürchte dich nicht – spiele!”, herausgegeben von Friedrich Ani und Anton G. Leitner, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2009, 165 Seiten, 12,- Euro, ISBN 978-3-929433-69-2; Internet: www.DasGedicht.de und www.AntonLeitner.de)

„Schluss mit Solidarität!“

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Weßling, den 20./21. September 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

auch am Sonntag bin ich wieder einmal in meinem Verlag und dort mit der Auslieferung der druckfrischen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17 beschäftigt. Und einmal mehr gehe ich nur in Gedanken mit meiner Mittelschnauzerin Nelly um den idyllischen Weßlinger See spazieren, der nur wenige hundert Meter von meinen Verlagsräumen entfernt liegt. Hat aber auch vielleicht sein Gutes, dann muss ich mich nicht über das aggressive Plakat eines Milchbauern ärgern, der, wie ein Blick in die einschlägige Suchmaschine zeigt, allein schon im vergangenen Jahr von der EU Subventionen in einer Höhe bezogen hat, die an das Jahresgehalt eines Normalverdieners grenzen.

Nun bin ich der Letzte, der den Milchbauern keine fairen Preise für ihre Milch zahlen möchte, aber wenn ich im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung lese, dass auch Milchbauern aus unserer Region Milch mit dem Güllewagen aufs Feld fahren und dort bis zu 70.000 Liter aus Protest verschütten, während anderswo auf der Welt tausende von Menschen verhungern, dann bin ich fassungslos. Und dann reut mich jeder Cent, der auch aus meinem nicht minder hart verdientem Geld „Landwirten“ wie diesen zufließt und ich ärgere mich noch mehr darüber, dass zu solchen wahnsinnigen Aktionen kein Kirchenmann oder Politiker klar und deutlich Stellung bezieht. Deshalb tue ich es wenigstens auf meinem Blog: Den Landwirten, die mit solch einer Verachtung und Respektlosigkeit mit Lebensmitteln umgehen, gehört der Geldhahn aus Brüssel abgedreht. Und zwar so schnell wie möglich.

Bevor ich mich aber noch weiter erbose, vielleicht auch, weil ich so der Auslieferungsarbeit zu entkommen hoffe, kann ich noch über erste Sofort-Reaktionen von Leserinnen und Lesern auf die neue GEDICHT-Ausgabe Nr. 17 berichten.

„Einmal ist Schluss, weil man/frau kann nicht überall mitmischen und unterstützen; es gibt leider kein Miteinander und keine Solidarität“, mailt eine Abonnentin und lässt ihrer Behauptung gleich Taten folgen, nämlich die Kündigung. „Die Mayröcker interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass von ihren zigtausenden von Gedichten 95% geistloses und überflüssiges Geschwätz sind“, mailt mir ein anderer Leser. Eine weitere Leserin erkundigt sich nach unseren Aufnahmekriterien, weil sie eigentlich der Meinung sei, dass es auch ihre Gedichte verdient hätten, im neuen GEDICHT zu stehen.

Angesichts der Tatsache, dass in der neuen GEDICHT-Ausgabe über acht Monate Arbeitszeit stecken, tun solche Spontanreaktionen, die vielleicht auch aus der Verärgerung heraus entstanden sind, nicht selbst in der Ausgabe vertreten zu sein, natürlich sehr weh. Denn insbesondere von Kolleginnen und Kollegen würde ich mir einen respektvolleren und sensibleren Umgang mit der literarischen Arbeit anderer wünschen. Friederike Mayröcker gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten lebenden Lyrikerinnen aus unserem Sprachkreis, an ihre Wortmacht, ihren Wortschatz und ihr Reflexionsvermögen kann nur ein Bruchteil all jener Zeitgenossen, die mehr oder weniger erfolgreich Gedichte schreiben, rühren.

Ich denke, wir sind ohnehin schon eine vom Neid infizierte Gesellschaft, wir sollten es uns deshalb insbesondere als Lyriker gönnen, uns an den Texten anderer zu erfreuen und sie zu genießen. Ich lese gerne den SPIEGEL, egal, ob ich selber drinstehe oder nicht, und habe, das sei an dieser Stelle auch einmal gesagt, in den ersten zehn Jahrgängen meiner Zeitschrift DAS GEDICHT kein einziges Gedicht von mir darin veröffentlicht. Ich tat dies erst, als meine Gedichte in Standardwerke wie Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ (herausgegeben von Prof. Wulf Segebrecht) oder in „Das große deutsche Gedichtbuch“ von Professor Karl Otto Conrady aufgenommen wurden, dem ich bei dieser Gelegenheit ganz herzlich zum renommierten „Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik“ für seine Gedicht-Anthologie Lauter Lyrik – Der Hör-Conrady“ gratuliere. Conrady hat seit  jeher plural getickt, er nahm mich 2000 erstmals in seine Sammlung auf, obwohl wir gerade damals manch kritischen Disput miteinander geführt haben. Aber ein Mann wie er hat sich von solchen Differenzen nicht abhalten lassen, ohne Ansehen der Person, zu tun, was er für richtig hielt. Denn im Zentrum seiner Arbeit standen und stehen immer nur die Texte, d. h. Gedichte selbst und nicht deren Verfasser oder seine persönliche Beziehung zu ihnen. Einzig und allein so kann ein Herausgeber Bücher machen, die dann auch wirklich gelesen werden.

Aber selbstverständlich will ich Ihnen an dieser Stelle auch nicht die ersten positiven Reaktionen auf die neue GEDICHT-Folge vorenthalten. Eine Leserin war so begeistert von der lyrischen Behandlung des Themenkomplexes Angst-Gewalt und „poetische Prävention“, dass sie spontan 100 Exemplare der Ausgabe nachgeordert hat, um sie insbesondere an Gymnasien zu verschenken. Und ein Kollege aus der Buchbranche war so angetan von Ausstattung und Auswahl der aktuellen Folge, dass er für sein Haus sofort die Umschlagseite 4 von DAS GEDICHT 18 (2010) reservierte.

Mir persönlich würde es sicherlich finanziell besser gehen, wenn ich DAS GEDICHT nicht verlegen würde. Denn fast alle Mittel, die ich als Herausgeber und Autor mit anderen Projekten verdiene, fließen in die Zeitschrift. Trotzdem möchte ich keines der 17 existentiellen Arbeitsjahre missen, die ich bislang in mein Herzblatt investiert habe.

Und ich bin überzeugt davon, dass DAS GEDICHT als „Publikumszeitschrift für Lyrik“ heute notweniger ist denn je, da es nach wie vor in der Lage ist, Lyrik in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Auch insoweit unterscheidet es sich von manch einem insiderhaft betriebenen Kraut-und-Rüben-Poesieprojekt im Internet. Aber selbstverständlich gibt es im Netz auch Portale für deutschsprachige Lyrik und ihre Diskussion, die seriös, jenseits des gegenseitigen Schulterklopfens, und vor allem mit redaktionellem Sachverstand betrieben werden. Allen voran der von Andreas Heidtmann verantwortete Poetenladen.

Nachtrag vom 21. September 2009: Einen etwas junggermanistisch angehauchten Streifzug durch die Lyrik im Netz unternahm dieser Tage übrigens die Online-Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Auch wenn ihr Flanuer offensichtlich einäugig (d. h. mit  mindestens einer literaturbetriebsbedingten Scheuklappe) unterwegs ist, bestätigt er im Wesentlichen meine “Kraut & Rüben-These” – wobei er im Bezug auf den Poetenladen auf eine andere Wertung kommt als ich. Jedenfalls ist es amüsant, die mit ins Netz gestellten Kommentare zu lesen. Irgendwie erinnern sie an eine Auseinandersetzung unter frühpensionierten Laubenkolonisten oder an den Protest von Milchbauern (siehe oben).

So, jetzt aber gleich wieder zurück an den Packtisch und bloß nicht die Bodenhaftung verlieren 😉

Herzliche Grüße aus Weßling
und bald wieder an dieser Stelle
Ihr Anton G. Leitner

Fürchte dich nicht – spiele! DAS GEDICHT 17 von Friedrich Ani und Anton G. Leitner ist erschienen.

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Weßling, den 17. September 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

jemandem wie mir, der sein Leben der Lyrik verschrieben hat, kann es schon angst und bange werden bei den vielen schlechten Nachrichten, leider auch für uns Büchermenschen: Das „Jahrbuch der Lyrik“ ist in Nöten, weil es der S. Fischer Verlag nicht länger machen will. Vermutlich scheut man dort das finanzielle Risiko. Außerdem, so liest man, könnte der Schweizer Lyrikverleger Urs Engeler nicht in der bisherigen Art und Weise weiterarbeiten, da sein Mäzen kein Geld mehr zuschießen könne. Und während kookbooks-Verlegerin Daniela Seel noch um Hilfe ruft und aller Orten verkündet, dass die Kunst Mäzene braucht, kündigt Verlegerkollege Ammann aus Zürich an, im Sommer 2010 das Handtuch zu werfen. Die Zeitschrift „Literaturen“ soll künftig nur noch zweimonatlich erscheinen.

Die gegenwärtige „Marktsituation“ für Lyrik bzw. anspruchsvolle Prosa im Buchhandel beschreibt die erfahrene Cheflektorin eines großen deutschen Verlages derzeit als „geradezu hermetisch“.

„Wenn es so weiter geht, bist Du mit DAS GEDICHT bald allein auf weiter Flur“, mailt mir dieser Tage ein Journalist und wünscht „viel Glück für die Zukunft“. Natürlich könnte ich jetzt darüber räsonieren, warum es ausgerechnet im „Land der Dichter und Denker“ so weit kommen konnte.

Und ich würde mich dabei zweifellos erregen über jene maßlose Gier der großen und kleinen Spekulanten, die alle davon geträumt haben, das (virtuelle) Geld für sich arbeiten zu lassen, anstatt selber ranzuklotzen. Ich würde mich ärgern über unsere überforderten Volksvertreter in den Aufsichtsgremien, allesamt gewieft und hellwach, wenn es um den Erhalt der eigenen Macht geht, aber seltsam verschlafen und gutgläubig bei der Ausübung ihrer Kontrollpflichten. Aber ich muss die Situation konstruktiv meistern. Zorn hilft mir nicht viel weiter.

Unter diesen schwierigen Umständen ist es mit dem Glückwünschen allein auch nicht getan. Ich selbst habe in diesem Jahr wirklich alles getan, was ich tun konnte, um die neue GEDICHT-Ausgabe Nr. 17 mit mehr Gedichten denn je präsentieren zu können. Und mit mir tat es der „engste Kreis“: Meine Mitarbeiterin Gabriele Trinckler, die seit nunmehr 10 Jahren bei mir beschäftigt ist, meine Frau Felizitas, mein alter Freund und literarischer Weggefährte Friedrich Ani, dem ich zum ersten Mal vor fast 30 Jahren begegnet bin. Er war damals noch als Lokalreporter für eine Münchner Tageszeitung unterwegs, aber seine eigentliche Liebe galt der Lyrik, die er eifrig verfasste und bei jeder Gelegenheit verteidigte (die Lyrik war bei ihm lange vor den Krimis da). Ani nahm seinerzeit meinen ersten öffentlichen Auftritt kritisch unter die Lupe, was zu einem streitbaren, aber überaus fruchtbaren Dialog zwischen uns führte, der bis heute andauert.

„Dichte, denn die Welt ist leck“, hieß unserer erstes gemeinsames Lyrikprojekt, das wir Mitte der 80er-Jahre realisierten – und noch heute veranlasst uns dieser mottohafte Titel bisweilen zu scherzhaften Wortspielen wie „Leck mich, denn die Welt ist dicht“. Viel hat sich seitdem getan. Wir sind der Lyrik treu geblieben. Friedrich Ani ist heute ein international bekannter Schriftsteller. Seine Figuren, die Kriminalkommissare Tabor Süden oder Polonius Fischer zum Beispiel, begegnen uns im Fernsehen oder Kino. Sie haben, wie Ex-Mönch Polonius Fischer, einen unverkennbaren Hang zum Philosophischen und Poetischen, und – was Wunder – auch zur Musik von Bob Dylan. Ihr Erfinder Friedrich Ani beherrscht die Poesie des Verschwindens wie kaum ein anderer. Und er besitzt ein feines Gespür für all das, was uns in Deutschland Angst machen kann oder könnte: „German Angst“ heißt eines seiner bekanntesten Bücher.

Als wir im Juni 2008 beschlossen, gemeinsam eine GEDICHT-Nummer herauszugeben, waren wir uns relativ schnell über das Thema einig: Angst. Dies mag vielleicht ein wenig überraschen, denn seinerzeit sprach kaum jemand von einer Rezession oder gar Weltwirtschaftskrise. Dabei gab es alarmierende Signale: In den USA waren die ersten Banken und Versicherungen ins Straucheln geraten. Aber die US-Administration beschwichtigte, betätigte ihre Geldpumpen, woraufhin bei den globalen Lehmann-Brüdern & Consorten wieder die Champagnerkorken knallten – und selbst die Berater unserer heimischen Sparkassen und Banken durften einmal mehr auf Kosten ihrer Kunden an der New Yorker Pulle nippen. Fast schien es uns so, als ob immer mehr junge Menschen versuchten, sich der rauschhaften Gier jener omnipotenten Nadelstreifenkaste durch Flucht zu entziehen: Sei es, dass sie in virtuelle Chatrooms fliehen oder in Computerspiele, Alkohol, Gewalt und sexuelle Exzesse. Trübe Aussichten: Die jüngste Generation betäubt sich mangels Zukunftsperspektiven, während man die Ältesten im Minutentakt pflegt, damit kontingentierte Budgets nicht überschritten werden. Derweil versuchen andere schon, sich mit Sprengstoff ins Paradies zu bomben. All das erinnert durchaus an spätrömische Tänze auf dem Vulkan und konnte schon immer für einen unruhigen Schlaf sorgen oder sich in unserer Einbildung zu einer überlebensgroßen Angst steigern.

Nun wollten Friedrich Ani und ich aber keine „Geisterbahn der Lyrik“ einrichten. Auch wenn die ganze Bandbreite der Furcht – möglichst anhand von Gedichten – lyrisch aufgezeigt werden sollte: Es ging uns vor allem darum, Verse zu präsentieren, die etwas riskieren, Lyrik mit dem Mut zum Übermut und Sprachspiel, poetische Aufbrüche zum Lebendigsein.

„Fürchte dich nicht – spiele!“ wählten wir als Motto für die Ausgabe und setzten mit 99 Gedichten (überwiegend Originalbeiträge) von 77 zeitgenössichen Autoren aus dem ganzen deutschen Sprachraum einen deutlichen Schwerpunkt auf den Lyrikteil. Unsere Auswahl haben wir generationsübergreifend getroffen. Das Spektrum reicht vom fünfjährigen Yunus aus Berlin-Kreuzberg über Jungautor Leander Beil (geboren 1992), der hier als Lyriker debütiert, bis zur Wiener Übermutter der deutschsprachigen Poesie, Friederike Mayröcker (Jahrgang 1924). Im Essayteil wollen wir die verschiedenen Facetten der Angst sowohl aus der Sicht von Poeten (vgl. Nicola Bardola: „Verse im sinnlichen Spiel mit dem Tod“), als auch aus der Perspektive eines engagierten Theologen, eines erfahrenen Pädagogen und eines international renommierten Klangkünstlers beleuchten.

Selbstverständlich verfolgen wir für DAS GEDICHT auch weiterhin die laufende Lyrikproduktion deutschsprachiger Verlage kritisch. Gedichtbände, insbesondere von neuen Autoren, sind im Krisenjahr 2009 fast vollständig aus den Programmen der großen Häuser verschwunden. Da derzeit auch viele kleine Verlage um ihr Überleben kämpfen, sind 2009 insgesamt deutlich weniger Lyriktitel erschienen als in den Vorjahren. Wir werden Ihnen in der kommenden GEDICHT-Folge Nr. 18 besonders interessante und nachhaltige Lyriknovitäten aus dem Erscheinungszeitraum 2009/2010 vorstellen.

Besonders hinweisen möchte ich Sie in diesem Zusammenhang schon auf die neue, mutige Lyrikreihe „für neugierige Kinder“, die der Kölner Boje-Verlag gestartet hat. Sie ist auch in der vorliegenden GEDICHT-Folge angezeigt. Soweit mir die schwierigen Zeitumstände die nötige Zeit dafür lassen, werde ich Sie an dieser Stelle über zwischendurch immer wieder über wichtige Entwicklungen aus dem lyrischen Betrieb auf dem Laufenden halten.

Bei allem berechtigten Anlass zur Sorge beglückt es mich, dass ich ausgerechnet in diesem von Krisen erschütterten Jahr 2009, das mich nahezu ununterbrochen auf Trab hält, ungewöhnlich viele Projekte realisieren konnte.

Die Gesundheitsausgabe Nr. 16 von DAS GEDICHT bekam eine Reihe von guten Kritiken, was dazu führte, dass sie bereits 3 Monate nach dem Erscheinen ausverkauft war. Um die Ausgabe weiterhin lieferbar zu halten, ließ ich im Januar 1000 Exemplare davon nachdrucken, was angesichts der aufwändigen Ausstattung (Vierfarbendruck) ein teures Vergnügen wurde.

Im Frühjahr 2009 erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag meine Anthologie „Ein Nilpferd schlummerte im Sand. Gedichte für Tierfreunde“, die ich zusammen mit Gabriele Trinckler edierte. Kein Geringerer als Reinhard Michl illustrierte die Sammlung. Im Juni 2009 schließlich startete im Deutschen Taschenbuch Verlag meine Serie „lyrik“, die nach dem Prinzip „vom Einfacheren zum Schwierigen“ insbesondere junge Leserinnen und Leser an Lyrik heranführen soll. Die Bände heißen „power“, „relax“ und „smile“, sind farbenfroh gestaltet und preisgünstig. Und besonders freue ich mich darüber, dass Reclam meine Lieblingsanthologie Feuer, Wasser, Luft & Erde. Die Poesie der Elemente“, die erstmals 2003 in Reclams Universalbibliothek erschienen war, 6 Jahre später, im August 2009, noch einmal aufgelegt hat, dieses Mal sogar in bibliophiler Ausstattung (Hardcover mit Schutzumschlag).

Dies alles sind kleine Lichtstreifen am Horizont und sie ermutigen mich, weiterhin alle geistigen und materiellen Mittel, über die ich verfüge, einzusetzen, um die Zeitschrift DAS GEDICHT als unabhängiges und plurales Organ für die deutschsprachige Lyrik zu erhalten. Sie steht im Zentrum meiner Arbeit als Verleger und Herausgeber und ist ein direkter Draht zu den Lesern und Autoren von Gedichten. Allen, die mich dabei unterstützen, insbesondere unseren Abonnentinnen und Abonnenten, danke ich auch an dieser Stelle ganz herzlich dafür.

Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit noch auf zwei Präsentationsveranstaltungen zur neuen GEDICHT-Ausgabe Nr. 17 einladen:

Am Dienstag, den 10. November 2009 lese ich um 19 Uhr in Wien zusammen mit Friedrich Ani, Alex Dreppec, Gerhard Rühm und Mario Wirz in der Alten Schmiede (Kunstverein Wien, Literarisches Quartier, Schönlaterngasse 9) aus „Fürchte dich nicht – spiele!“ und diskutiere mit Kollegen und Publikum über unsere Arbeit.

Am Dienstag, 1. Dezember 2009, lese ich um 20 Uhr in München zusammen mit Friedrich Ani, Nicola Bardola und anderen im GAP (Cafe / Bar / Restaurant, Goethestr. 34, 80336 München) aus „Fürchte dich nicht – spiele!“. Unter der Moderation von Nicola Bardola diskutieren Friedrich Ani und ich über die Arbeit an der gemeinsamen GEDICHT-Ausgabe. Und selbstverständlich lesen wir aus der Ausgabe, zusammen mit unseren Autorenkollegen. Und feiern im Anschluss.

Herzlichen Grüße,
und bis bald,
Ihr ANTON G. LEITNER

Verleger Anton G. Leitner beim Andruck der neuen Ausgabe seiner Zeitschrift DAS GEDICHT 17 in der Druckerei Steinmeier, Deiningen

M. Fröhlich (Vorstufe Steinmeier), Felizitas Leitner und Matthias Steinmeier in der Druckvorstufe

M. Fröhlich (Vorstufe Steinmeier), Felizitas Leitner und Matthias Steinmeier in der Druckvorstufe

Die 5-Farbenmaschine wird für den Druck des Umschlages von DAS GEDICHT 17 eingerichtet

Die 5-Farbenmaschine wird für den Druck des Umschlages von DAS GEDICHT 17 eingerichtet

Matthias Steinmeier und Anton G. Leitner vor der 5-Farbendruckmaschine beim Andruck des Umschlags

Matthias Steinmeier und Anton G. Leitner vor der 5-Farbendruckmaschine beim Andruck des Umschlags

Der erste Druckbogen des Umschlags wird mit den Prüfabzügen der Grafik verglichen und darauf feinabgestimmt

Der erste Druckbogen des Umschlags wird mit den Prüfabzügen der Grafik verglichen und darauf feinabgestimmt

Felizitas Leitner begutachtet einen Farbogen aus dem Innenteil von DAS GEDICHT 17

Felizitas Leitner begutachtet einen Farbogen aus dem Innenteil von DAS GEDICHT 17

Ungeschnittener Schwarzweißbogen aus dem Innenteil von DAS GEDICHT 17

Ungeschnittener Schwarzweißbogen aus dem Innenteil von DAS GEDICHT 17

Anton G. Leitner und Matthias Steinmeier vor der "Bindestrasse"

Anton G. Leitner und Matthias Steinmeier vor der “Bindestraße”