Künstlerprotest gegen die Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen / Weßling für Geschäftsflieger

Liebe Besucherinnen und Besucher,

meinen „Arbeitsjuni“ im Büro, der demnächst nahtlos von einem „Arbeitsjuli“ im Büro abgelöst wird, habe ich am gestrigen Samstag für einen öffentlichen Protestauftritt gegen die Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofens / Weßling unterbrochen. Ich war eingeladen, zur Ausstellung „FlugKunst“ (Pfarrstadel Weßling, 29. Juni bis 6. Juli 2008: Montag – Fr, 15 – 18 Uhr und Sa / So 11 – 18 Uhr) eine kurze Eröffnungsrede zu halten.

Ich habe zunächst auf die schon im Ort bestehende Lärmsituation verwiesen, die bereits für mich und die meisten anderen Weßlinger Bürger ein schier unerträgliches Maß erreicht hat: Zum einen wegen der Weßlinger Hauptstraße. Sie zerschneidet durch einen inzwischen an Irrsinn grenzenden Durchgangsverkehr mit zigtausenden Fahrzeugen am Tag das Dorf Weßling in zwei Teile – es ist für mich nur eine Frage der Zeit, bis in diesem Verkehrsmoloch ein Kind auf dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten schwer verletzt oder totgefahren wird, da das Überfahren von roten Ampeln in Weßling an der Tagesordnung ist. Zum anderen auch wegen des hausgemachten Lärms, der von den Bürgern Weßlings selbst mit elektrischen Maschinen und Verbrennungsmotoren aller Art erzeugt wird.

Ein Protest gegen Fluglärm kann nicht isoliert von der restlichen Lärmbelastung im Ort artikuliert werden, sonst würde er die bereits bestehende Lärmsituation vollkommen verharmlosen. Jeder, der zu Recht gegen die völlig unsinnige Erweiterung des Sonderflughafens Oberpfaffenhofens protestiert, weil sie eine der schönsten Natur- und Seenlandschaften Deutschlands zerstört, kann auch selbst etwas gegen den Lärm unternehmen. Etwa durch Einhaltung der mittäglichen Ruhezeiten, durch Unterlassung von lärmstörenden Arbeiten an Sonn- und Feiertagen, durch Unterlassung unsinniger Fahrten durch den Ort (beispielsweise mit lärmenden Traktoren, die zu Hobbyzwecken unterhalten werden und mit denen an Sonn- und Feiertagen besonders gerne Kinder ausgefahren werden, unangeschnallt versteht sich).

Meine Rede im überfüllten Weßlinger Pfarrstadel (unter den Gästen befanden sich mehrere Bürgermeister unserer Region sowie der Starnberger Landrat Karl Roth) stieß auf breite Zustimmung im Publikum, aber auch auf heftigste Proteste von mehreren Bürgerinnen aus dem Nachbarort, die der Meinung sind, der Lärm solle in Weßling bleiben: Weßling bräuchte keine Umgehungsstraße, weil es eh schon den Lärm gewohnt sei, und ein bekannter Künstler wie ich könne im Übrigen an jedem anderen Ort in Deutschland arbeiten und müsse halt wegziehen. Weniger Lärm in Weßling bedeute mehr Lärm in ihrem stillen Ortsteil Kuckucksheim / Wörthsee. Eigens zu Beweiszwecken sei eine 40-minütige Bandaufnahme angefertigt worden, auf der im Wesentlichen drei Geräusche zu hören seien: Das Klopfen eines Buntspechts, die zärtliche Stimme eines Rotschwänzchens und das Rauschen der Blätter im Wind. Auf diese Ruhe habe man einen Anspruch. Man habe schließlich mehr in seinem Leben gearbeitet, als ein Künstler. Schluss, aus und basta!

Selig sind die Bewohner im benachbarten Wolken-Kuckucksheim!

Um die Diskussion in Gang zu halten, stelle ich meine Rede von gestern nebst den drei Beispielsgedichten an dieser Stelle online und lade Sie herzlich ein, sich Ihre eigene Meinung zu bilden.

In diesem Sinne verbleibe ich für heute herzlich grüßend

Ihr Anton G. Leitner

aus Weßling (natürlich mit dem obligatorischen Silikonstöpsel im Ohr)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor einigen Jahren hat mich während einer Literaturtagung auf Schloss Elmau ein Lektor verwundert gefragt, wie ich es bei meiner konzentrationsbedürftigen Arbeit aushalten könne, auf dem Land zu leben. Er besuche einmal im Jahr Verwandte in Weßling und habe unter Weßling das Bild eines idyllischen, herzförmigen Sees gespeichert, um den herum der nackte Lärm tobe. Eine Hauptstraße, durch die permanent Autos rauschten und röhrten und Schwerlaster rumpelten, dazu alle zehn Minuten das Geräusch einer kreischend-anfahrenden S-Bahn, begleitet vom Gejaule elektrischer Laubsauger im Zusammenklang mit Bandschleifmaschinen, Rasenmähermotoren, Gartenhäckslern, Kreis- und Motorsägen, selbst während der mittäglichen Ruhezeiten. „Wie könnt ihr Euch nur das Leben auf dem Land so zur Lärmhölle machen“, fragte er mich. Er wäre immer wieder froh, wenn er sich zuhause in München vom Weßlinger Lärmstress erholen könne.

Nun hat sich diese denkwürdige Begenbenheit bereits vor Jahren zugetragen. Damals schien sogar eine Lösung gegen den unendlich anschwellenden Hauptstraßenlärmpegel in Sicht, eine Umgehungsstraße war in greifbare Nähe gerückt, und vom ehemaligen Dornier-Werksflughafen war höchstens im Zusammenhang mit Entlassungen durch eine Nachfolgefirma namens Fairchild die Rede, von Auffanggesellschaften und von wieder einmal vergeblich eingesetzten Millionensubventionen. Eine Flughafenerweiterung stand nicht zur Debatte.

Ich habe dem Lektor auf Elmau geantwortet, dass er mir aus der Seele spräche, weil ich oft nur noch mit geräuschdämmenden Silikonstöpseln im Ohr arbeiten könne und meist auch im Hochsommer alle Fenster geschlossen hielte.

Der natürliche Feind eines Menschen, der hochkonzentriert geistige Arbeit verrichten muss, ist der Lärm. Und ich fürchte nichts mehr, als Nachbarn, die sich am Wochenende zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten in Hobbyschreiner, Hobbyschleifer oder Hobbysauger verwandeln.

„Schöne Gedichte“, so sagte ich damals dem Lektor, könne ich in Weßling schon lange nicht mehr schreiben. Dazu müsse ich mich schon in das Gästehaus eines befreundeten Künstlers auf der kanarischen Insel La Palma zurückziehen oder ins Regental im Bayerischen Wald, wo ein Teil meiner Vorfahren herstammt.

Nun ist die Weßlinger Umgehungsstraße aufgrund einzelner Hirschkäferfunde wieder einmal in weite Ferne gerückt und da ich selbst einen kleinen Teil meiner juristischen Referendarszeit in Brüssel verbringen konnte, weiß ich, von was ich rede, wenn ich von Hirschen und Käfern spreche. Wenn zum bisherigen Lärm auch noch deutlich mehr Fluglärm dazu kommt, müsste man als Künstler schon einen ausgeprägten Hang zum Masochismus haben, um weiterhin in Weßling wohnen und arbeiten zu wollen.

Unsere Region gilt als eine der schönsten in Deutschland und wer wie ich viel unterwegs ist, kann dies nur bestätigen. Es scheint jedoch in der Natur des Menschen zu liegen, dass sich der Mensch selbst seine eigenen Oasen und Ruheräume zerstört. Und so finden sich auch für die schönsten Flecken auf unserer Erde immer Totengräber oder Grabherrn.

Vielleicht sollten wir deren Pläne auf denkbar unkonventionelle Weise durchkreuzen: Setzen wir einfach im richtigen Moment zwei oder drei Hirschkäfer auf ihren Start- oder Landebahnen aus. Denn für den Schutz von Hirschkäfern kann sich im Zweifelsfall immer ein hoher EU-Beamter begeistern, dafür macht er vielleicht sogar Überstunden und folglich auch weniger Lärm in seiner Freizeit.

Aber lassen Sie mich nach der Pflege des schwarzen Humors wieder zurück zu den lyrischen Tatsachen kommen. Ich trage Ihnen zum Ausklang meines Beitrages gegen die Flughafenerweiterung jetzt noch drei eigene Gedichte vor. Zwei davon sind in Weßling, eines ist auf La Palma entstanden. Sie erraten sicher selbst den jeweiligen Entstehungsort.

Anton G. Leitner,

Weßling, 28.06.2008

 

Anton G. Leitner:

Sonntagsgedicht
aus der Provinz

Das geht so und so
Nicht gut die Städter die ein
Fallen jedes Wochen
Ende mit Blechspiel
Zeug deutsche Gesell
Igkeit ein zwei
Hundert Watt um die neuen
Kopfstrümpfe Schoner aus
Polyäthylen buntbedruckte Hosen
Träger hupend du sitzt
Auf dem Freeshirt
Herrscht Michael aus dem Wagen
Da hast du die Schlüssel
Selbst ist die Frau
Wenn der Mann neben ihr sitzt
Und wartet bis sie
Gegen ihn aufkommt
Mit dem Motorrad
Führerschein
Ist die Bundhosen
Falte unterwegs im Grünen
Spannt minutenlang aus greift
In die Satteltasche
Der Gummi der Feldstecher
Nutzt die Gunst der
Beifahrerin auf dem Park
Platz wandert einer
Mit der Karte um die Wette
Auf dem Weg bleiben
Auch die Abweichler
Schimpfen sich ein Volk von
Sportbäuchen und Lederkombis
Einer fährt immer Fahrrad
Für Deutschland
Geht die Sonne im
Osten unter

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, “Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005”)

 

Anton G. Leitner:

Was will mir der Herr Nachbar
mit der Säge sagen?

Ich bin
Stärker als der
Wilde

Wuchs.
Ich säge
Den Baum ab

Auf dessen Ast
Du nie mehr
Sitzen wirst.

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, “Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005”)

 

Anton G. Leitner:

Das Meer sieht

Das Land mit anderen
Augen. (Der Blick geht

Vom Blau ins Gelb ins
Grün.) Ein bewegtes

Kissen für eine ruhige
Nacht im Schoß.

© 2006 lichtung Verlag, GmbH, Viechtach
AGL, “Im Glas tickt der Sand. Echtzeitgedichte 1980 – 2005”)

Arbeitsjuni

Liebe Besucherinnen und Besucher,

in den letzten Tagen haben mich immer wieder Besucher meiner Homepage angemailt und besorgt nachgefragt, wie es mir geht, weil ich seit Wochen meine aktuelle Internetseite nicht mehr auf einen tagesaktuellen Stand gebracht habe.

Mir geht es soweit gut, außer dass ich seit Wochen durcharbeite. Meine vielen „Auswärtsspiele“ büße ich gerade mit „Heimarbeit“ ab. Im Zentrum meiner Arbeit steht, wie Sie wahrscheinlich schon richtig vermuten, die kommende Ausgabe von DAS GEDICHT. Für die Nummer 16 habe ich den Schweizer Autor und Kritiker Markus Bundi, der in diesen Tagen im Schauspielhaus Zürich mit dem Montblanc-Literaturpreis 2008 ausgezeichnet worden ist, als Mitherausgeber verpflichtet. Die Auswahl der Gedichte ist schon weit fortgeschritten und derzeit arbeiten wir besonders intensiv am Essay- und Kritikteil (zusammen mit Nico Bleutge, Rolf-Bernhard Essig und Maximilian Dorner).

Meine dtv-Sammlung mit Nachtgedichten (sie erscheint im Dezember 2008 unter dem Titel „Gedichte für Nachtmenschen“, Mitherausgeberin ist Gabriele Trinckler) liegt bereits beim Verlag in München, an der übernächsten dtv-Sammlung („Ein Nilpferd schlummerte im Sand“), deren Umschlag kein Geringerer als Reinhard Michl gestaltet) sitze ich bereits, ebenso an meiner dritten Anthologie in der edition Chrismon mit Beziehungsgedichten, die zur Frankfurter Buchmesse 2008 erscheint.

Bereits für Herbst/Winter 2008/2009 plane ich einen deutlich erweiterten Internet-Auftritt (mit voraussichtlich exklusiven Angeboten für GEDICHT-AbonnentInnen). In Zusammenarbeit mit Matthias Politycki habe ich bereits im Vorfeld ein neues Seminarkonzept erarbeitet, das wir erstmals Ende Januar 2009 in Weßling/Hochstadt realisieren. Unsere Idee hat sich zu unserer Verblüffung intern bereits so verbreitet, dass das erste Seminar dieser Art schon ausgebucht ist, bevor wir es überhaupt öffentlich ausschreiben konnten. Wir werden aber selbstverständlich in absehbarer Zeit eine zweite derartige Veranstaltung anbieten und Sie rechtzeitig darüber informieren.

Für Herbst 2008 stehen schon wieder mehrere öffentliche Auftritte an, u. a. in Kelheim an der Donau, Frankfurt am Main (Buchmesse) und Holzminden. Ich werde Sie selbstverständlich rechtzeitig an dieser Stelle genauer darüber informieren. Meine Auftritte auf den Deutschen Katholikentag zusammen mit Alexander Nitzberg und Martin Finsterlin (Gitarre) waren anstrengend (9 Stunden Anfahrt nach Osnabrück und 9 Stunden Rückfahrt), aber sehr spannend. Ich scheue generell große Ansammlungen von Menschen und auch die Parallelität von zig Veranstaltungen, die sinnvoller auf ein ganzes Jahr verteilt würden, birgt die Gefahr einer gewissen unverbindlichen Beliebigkeit in sich. Das Wetter in Osnabrück war jedoch strahlend schön, unser Programm mit „geistlichen“ Gedichten anspruchsvoll, die Stimmung gut – und eine Stadtbesichtigung von Münster (den wunderbar lichten Dom hätte ich am liebsten gar nicht mehr verlassen) mit anschließendem Besuch in Lüdinghausen bei Frantz Wittkamp, dessen Arbeit ich überaus schätze, haben diese Tour für mich dann wirklich „abgerundet“.

Im Zusammenhang mit katholischer Kirche denke ich an meine heutige Zeitungslektüre der Süddeutschen Zeitung. Im Lokalteil wird wieder einmal über einen bizarren Kampf David gegen Goliath berichtet. Die Seeufergemeinde Berg am Starnberger See hat(te) einen unorthodox agierenden Pfarrer im orthodoxen Habit: Pater Laurentius. Ich habe Pater Laurentius im Rahmen des „Ökumenischen Neujahresempfangs 2008“ der Evangelischen Gemeinde in Berg, bei dem ich die Festrede halten durfte, als „Seelsorger“ mit offenen Augen und Ohren für die Sorgen und Nöte seiner Gemeinde persönlich kennen gelernt. Seine Natürlichkeit, sein Charisma zogen mich sofort an. Ein unkonventioneller Priester, so dachte ich, von dessen Schlag die Katholische Kirche mehr brauchen könnte. Und die Gläubigen in Berg dachten ebenso, Pater Laurentius hat dort einen Grad auf der Beliebtheitsskala der Gemeinde erlangt, der den Oberhirten in München offenbar unheimlich wurde, denn sie haben ihn mit sofortiger Wirkung von seinem Posten abberufen. Alle Proteste seiner Gemeinde fruchten nicht, Laurentius kommt weg, Schluss, Basta. Das verstehe wer wolle: Anstatt einem Mann wie Laurentius den Bischofsstab zu übergeben, bekommt er von der Kirchenobrigkeit einen Tritt in den Allerwertesten und wird kalt vor die Tür gesetzt. Wo haben diese Oberhirten ihre Augen und Ohren, frage ich mich.

Genauso unverständlich ist es mir, dass die deutschen Milchbauern ihre Milch in den Abfluss kippen und kein Kirchenvertreter protestiert dagegen oder versucht sie davon abzuhalten oder zu vermitteln. Da auf der Welt täglich hunderttausende von Menschen verhungern und verdursten müsste es eigentlich andere Wege geben, einen fairen Milchpreis zu erzielen, als Milch in den Gulli zu kippen.

Aber bevor ich mich weiter aufrege, tauche ich jetzt wieder lieber in meine Arbeit ab, dann vergesse ich alle gusseisernen Erzbischöfe & Consorten. Nein, auch darüber, dass Ulla Schmidt noch immer Bundesgesundheitsministerin ist, kann ich mich eigentlich nicht mehr wirklich aufregen, im Gegenteil, sie treibt mich förmlich wieder an meinen Schreibtisch zurück. Schmidt hat die verschlafene CSU mit ihrem Bürokratiemonster Gesundheitsfonds, so steht es heute ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung, nämlich kräftig über den Tisch gezogen und setzt mit der geplanten bundesweiten Nivellierung der ärztlichen Honorare obendrein noch einen drauf. Mehrere hundert Millionen Euro sollen aus den Töpfen der Bayerischen Kassenärzte in andere Bundesländer abfließen. Das wird etliche bayerische Praxen in den Ruin treiben, mutmaßt die SZ. Wer sich für die derzeitige Situation der Hausärzte in Bayern interessiert, der findet mehr dazu in meinen früheren Nachrichten und subjektiven Notizen auf dieser Seite oder kann dazu auch gleich die Internetseiten von Felizitas Leitner (leicht zu ergooglen) besuchen. Wie schön also, dass noch so viel Arbeit auf mich wartet, und ich folge gerne ihrem Ruf

meint heute
Ihr zwischendurch für Sie aufgetauchter

Anton G. Leitner

aus Weßling

Sonntagsnotizen aus der Provinz

Liebe Besucherinnen und Besucher,

die Leipziger Messe war sehr erfolgreich für mich, aber auch sehr anstrengend. Viele interessante Leute getroffen, alte Freundschaften mit Kollegen gepflegt und neue, wichtige Bekanntschaften, geschlossen, neue Projekte (jeweils bis um 3 Uhr morgens) angedacht und diskutiert.

Ich bin seither nur noch am Arbeiten, weil ich 2008 so viele Angebote von Verlagen bekomme wie selten zuvor und mich in aller Ruhe entscheiden möchte, welche ich annehmen kann und welche nicht. Zudem werden derzeit nach 15 bzw. 10 Jahren die Technik und Einrichtung in meinem kleinen Verlag komplett überholt und aktualisiert, es werden Einbauten vorgenommen, seit Tagen sind die Handwerker im Haus, und wir räumen ganze Zimmer aus und ein, testen die neuen Geräte usw. Dies ist auch der Grund, warum ich mich heute nur kurz melden kann. Ich muss gleich wieder an einem Exposé weiterarbeiten und das an einem strahlendem Sonntag!

Ich danke Ihnen ganz herzlich für die Unterstützung meines Aufrufs gegen den Gesundheitsfonds. Viele Leserinnen und Leser haben mir gemailt, dass sie sich auf meine Anregung hin an der Petition gegen dieses unsinnige Bürokratiemonster beteiligt haben, einige wichtige Politiker haben inzwischen meine Frau und mich persönlich in Weßling am Buchenweg besucht und sich vor Ort von uns genau informieren lassen. Es scheint jetzt auch in der Politik Bewegung gegen den Fonds zu entstehen, insbesondere die CSU bezieht inzwischen dagegen öffentlich immer deutlicher Stellung.

Soviel in aller Kürze.

Herzliche Grüße aus dem Hauptdorf der Poesie,
Weßling, das jetzt einen neuen Bürgermeister hat
(Michael Muther von den Freien Wählern)
und einen poetischen Restsonntag
bis bald

Ihr Anton G. Leitner

Reaktionen auf die Solidaritätserklärung mit den Hausärzten

Liebe Besucherinnen und Besucher,

auf meine Solidaritätserklärung vom 4. Februar 2008 habe ich inzwischen dutzende von eMails aus dem Kreise der Besucherinnen und Besucher dieser Internetseiten erhalten, die mir insbesondere für meine Offenheit danken. Die aufgedeckten Kalkulationen zum Stundenlohn einer bayerischen Kassenärztin im teuren S-Bahnnahbereich von München lösen Entsetzen aus. Nahezu alle, die mir geantwortet haben, beteiligen sich an der Petition gegen den Gesundheitsfonds.

Am Samstag, den 9. Februar 2008 bestätigte übrigens ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit einer Hausärztin und einem Hausarzt (als Aufmacher im Münchner Teil der SZ publiziert) die hier erstmals offenbarten Zahlen. Die beiden interviewten Hausärzte unterschreiten die von mir genannten Werte sogar noch und weisen als Nettostundenlohn für ihre Tätigkeit lediglich 10 Euro aus.

Ich habe meine Solidaritätserklärung auch an die Bundestags- und Landtagsabgeordneten aus meinem Wahlkreis geschickt, u. a. an Ilse Aigner (CSU), Ursula Männle (CSU), Klaus Barthel (SPD) und Martin Zeil (FDP).

Nach und nach ergeben sich jetzt interessante Korrespondenzen und Gespräche. Als erster Politiker reagierte der Weßlinger Bürgermeisterkandidat der Freien Wähler, Michael Muther. Er unterstützt selbst und mit seiner Familie meinen Aufruf.

Danach meldete sich die Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnholzer (SPD) aus Fürstenfeldbruck mit interessanten Sachinformationen und Anregungen. Allerdings sieht sie schwarz, was die Verhinderung des Gesundheitsfonds betrifft. Sie glaubt, dass der Gesundheitsfonds kommt, weil er ja lediglich die Ärzte in zwei Bundesländern benachteilige (bzw. in ihrer Existenz bedrohe), leider halt auch die bayerischen Hausärzte. Eine (nachträgliche) Ablehnung des Gesundheitsfonds sei deshalb unwahrscheinlich. Im übrigen verwies sie auf Landtagsprotokolle, aus denen sich klar und deutlich ergibt, dass sie schon frühzeitig auf die dramatische Situation der Hausärzte in Bayern hingewiesen hat, dabei aber insbesondere bei der CSU-Fachressortministerin Stewens auf taube Ohren gestoßen ist. Sie wird sich weiter für die Belange der Hausärzte in Bayern engagieren, und trifft sich demnächst mit meiner Frau und weiteren Kolleginnen, um im direkten Gespräch mit Praktikern mögliche Verbesserungen oder Lösungswege zu erörtern.

Am Mittwoch, den 20.02.2008 meldete sich bei mir auch die Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner (CSU) telefonisch, um sich darüber zu informieren, wo meiner Frau der Schuh drückt. Zunächst zeigte sie sich etwas ungehalten darüber, dass ich auf meiner Homepage geschrieben hatte, die Abgeordneten aus meiner Heimatregion wären offensichtlich nicht bereit, sich mit dem Kulturpreisträger ihres Landkreises bezüglich der Hausärzte-Problematik auszutauschen. Mein Solidaritätsaufruf sei lediglich an „Sehr geehrte Damen und Herren“ adressiert gewesen, nicht an sie persönlich. Hausärzte hätten im übrigen noch andere Einnahmen als die der Kassen, sie selbst arbeite als Abgeordnete auch 60 Stunden die Woche. Auf meinen Einwand, dass sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestages aber nicht für 1.300 Euro netto monatlich arbeiten müsse, und auch deutlich weniger Risiko zu tragen habe, als eine Ärztin, reagierte sie verblüfft und auch etwas ungläubig. Ich selbst betonte im Gespräch mit Ilse Aigner, dass es den Hausärzten nicht nur ums Geld gehe, sondern auch um die Tatsache, dass sie von Politik und Krankenkassen zu „Überbringern schlechter Nachrichten“ degradiert würden (siehe unten). Auch das Kassieren der Praxisgebühr von symbolischen 10 Euro belaste das Verhältnis zwischen Patient und Arzt aufs Kleinkarierteste und erhöhe für Arztpraxen zudem deutlich das Risiko, Opfer von Straftaten zu werden. Abschließend meinte Frau Aigner, dass sie selbst nie ein großer Fan des (von ihr mit beschlossenen?) Gesundheitsfonds gewesen sei, an dessen inhaltlicher Ausgestaltung ja auch noch gearbeitet werde.

Martin Zeil von der FDP, der in Presseerklärungen stets seine Solidarität mit den bayerischen (Haus-)Ärzten verkündet, hat auf meinen Aufruf bislang nicht reagiert. Die Nichtreaktion von Zeil spricht nicht gerade für seine Bürgernähe und stimmt mich skeptisch, was den wirklichen Willen der bayerischen FDP zur Verbesserung der Lage für die bayerischen Hausärzte betrifft.

Inzwischen hat sich auch der bayerische Ministerpräsident Beckstein (CSU) mit dem Vorsitzenden der bayerischen Hausärzte getroffen und nach dem Gespräch den Kassen empfohlen, direkt mit den bayerischen Hausärzten zu verhandeln, um besser honorierte Verträge zu erreichen. CSU-Gesundheitspolitiker Zimmermann erklärte in einem Gespräch mit dem Münchner Merkur seine Wandlung vom „Saulus zum Paulus“, räumte schwere Fehler in der Gesundheitspolitik ein, und gelobte Besserung auf der ganzen Linie.

Ich halte es für kein schlechtes Zeichen, dass jetzt einige Politiker damit beginnen, sich bei Praktikern über deren Probleme zu erkundigen oder sogar selbstkritisch schwere Fehler einräumen. Nach meinen ersten persönlichen Erfahrungen bin ich allerdings äußerst skeptisch, ob sie sich wirklich um eine Änderung der Situation bemühen werden, oder ob es sich bei ihrem plötzlichen Engagement lediglich um wahltaktische Ablenkungsmanöver kurz vor den Kommunalwahlen in Bayern handelt. Ich stelle bei meinen Kontakten mit Politikern eine erschreckende Arroganz der Macht fest, eine deutliche Scheu, sich in Zusammenarbeit mit den betroffenen Bürgern selbst um eine konstruktive Verbesserung der Situation zu kümmern.

Natürlich hoffe ich auch, dass ich Sie demnächst an dieser Stelle wieder ausführlich über literarische Themen aus dem mir so nahen Feld der Poesie informieren kann. Aber ich habe lange, viel zu lange, schweigend zugeschaut, wie meine Frau für eine stetig schlechtere Bezahlung immer noch mehr arbeiten musste, dauerschikaniert von ständig neuen Vorgaben einer kafkaesk-unheimlichen Kassenbürokratie, die den Patienten erzählt, „jeder bekommt alles Nötige“, und für solche Versprechungen hinterher die eigenen Vertragsärzte in Regress nimmt und bluten lässt. Ein Kassensystem, das Hausärzte zu Dauerüberbringern schlechter Nachrichten degradiert („nein, dieses Mittel darf ich Ihnen nicht mehr verschreiben, die Krankengymnastik darf ich Ihnen nicht mehr verordnen“ usw.) und zum Kassieren von unsinnigen Praxisgebühren missbraucht, und damit das über viele Jahre gewachsene Grundvertrauen der Patienten in ihre Ärzte zerstört, die Ärzteschaft total frustriert und jeden intelligenten jungen Menschen davor abschreckt, Arzt zu werden.

Nein, ich kann beim besten Willen nicht mehr länger zuschauen und schweigen. Ich werde mich von diesem Thema erst dann sanft „zurückziehen“, wenn eine deutliche Besserung der Situation eingetreten ist.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit,
viele Grüße aus Weßling
und bis ganz bald,

Ihr Anton G. Leitner

Das Maß ist voll. Solidarität mit den Hausärzten

Petition gegen den Gesundheitsfonds

Liebe Besucherinnen und Besucher,

in mir hat sich in den letzten Monaten und Jahren eine solche Wut auf die Politik, insbesondere die Gesundheitspolitik aufgestaut, dass ich mich entschlossen habe, jetzt auch im Namen meiner Frau, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wie viele von Ihnen wissen, bin ich seit über 16 Jahren mit Dr. med. Felizitas Leitner verheiratet, die seit 25 Jahren als Ärztin arbeitet, davon 20 Jahre in eigenen hausärztlichen Praxen (in Saarbrücken und Weßling). Felizitas ist das älteste von neun Kindern einer katholischen Familie aus dem Rheinland. Sie kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie aus keiner Ärztefamilie stammt, was konkret heißt, dass sie sich ohne jede einschlägige elterliche Hilfe, aus eigener Kraft also, jahrelang für ihren Beruf qualifiziert hat. Wer sie kennt, weiß, dass sie mit Leib und Seele Ärztin ist und dieser Beruf für sie Berufung ist. Sie hat diesen Beruf aber auch gewählt, weil sie bei dessen Ergreifung davon ausgehen konnte, dass er sie eines Tages anständig ernähren und ihr ein in finanzieller Hinsicht sicheres Auskommen, unabhängig von der Familie, gewährleisten würde.

Nun hat Felizitas mit mir ausgerechnet einen Mann geheiratet, der zwar examinierter Jurist ist, aber vor 15 Jahren die Vermittlung von Lyrik in den Mittelpunkt seines Arbeitslebens gestellt hat, und sich seither nicht ohne Erfolg um jene literarische Königsgattung bemüht, die von vielen Zeitgenossen mit Spitzwegs Bild „Der arme Poet“ gleichgesetzt wird. Nach 15 Jahren Tätigkeit in diesem Bereich der Kunst kann ich heute sagen, dass es sicherlich kein schwierigeres Feld geben dürfte, um Geld zu verdienen. Meine wenigen Beamtenjahre erscheinen mir in der Rückblende wie „bezahlter Urlaub“. Nun schreibe ich bekanntlich nicht nur selbst Gedichte, sondern ediere und verlege auch die Lyrik von vielen anderen Dichtern der Gegenwart und aus der Literaturhistorie, eine Tatsache, die das zu Vergleichszwecken bemühte Spitzwegbild vom armen Poeten noch eher verschärft. Glücklicherweise entspannt sich aber mit meinem zunehmenden Bekanntheitsgrad die Lage ein wenig.

Allerdings mussten Felizitas und ich jahrelang allein von ihrem ärztlichen Einkommen leben. Und was dies wirklich bedeutet, haben wir am eigenen Leib erfahren. Sie steht täglich um 6 Uhr morgens auf und arbeitet in der Regel bis 21 oder 22 Uhr abends. Mein Arbeitstag reicht von 7 Uhr früh bis ca. 20 Uhr abends. An den Wochenenden gehen wir in der Regel etwas später ins Büro und beenden „schon” um 19 bzw. 20 Uhr unsere Arbeit. Die ersten 5 Jahre während unserer Selbstständigkeit haben wir keinen Urlaub gemacht, also durchgearbeitet. Dass bei einem solchen (nicht ganz feiwilligen) Arbeitspensum des potentiellen Elternpaares ein eigenes Kind Wunschvorstellung bleiben musste, dürfte selbst für katholische Familienpolitiker wie Bischof Mixa nachvollziehbar sein. Ohne unseren immensen, mitunter an die Erschöpfungsgrenze gehenden Arbeitseinsatz, hätten wir bis heute weder die Praxis meiner Frau noch meinen kleinen Verlag durchgebracht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass hierzulande keine Berufsgruppe dringender eine effektive „gewerkschaftliche” Vertretung benötigte, als Freiberufler und Selbstständige. Denn sie schaffen die meisten Arbeitsplätze in unserem Land, sorgen in der Regel für ein familiäres und persönliches Betriebsklima, und werden dafür von der Politik links liegen gelassen, weil deren Spitzenrepräsentanten meist aus Angestellten- oder Beamtenverhältnissen kommen und oft noch nicht einmal in der Lage sind, zwischen Umsatz und Gewinn eines Unternehmens zu unterscheiden, geschweige denn, komplexere betriebswirtschaftliche Abläufe zu analysieren.

Wie oft habe ich aus dem Mund unserer Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt gehört, dass jeder in Deutschland die medizinische Versorgung bekommt, die er benötigt, dass die Krankenkassenbeiträge stabil bleiben würden, dass den „Hausärzten als Lotsen im Gesundheitssystem eine zentrale Rolle“ zukäme und „ihre Rolle im System weiter gestärkt“ würde. Das Gegenteil dieser Ankündigungen ist allerdings Realität. Viele Kollegen meiner Frau müssen Jahr für Jahr im Rahmen von „Regressforderungen“ für bestimmte Medikamente oder Therapien haften, also im Klartext die Rechnungen für ihre Patienten bezahlen, deren Drängen und Wünschen nach bestimmten Medikationen sie aus Gutmütigkeit nachgegeben haben. Ein solches System ist pervers. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass es von Politikern absichtlich entwickelt wurde, sondern entschuldige es (zur Aufrechterhaltung meines Glaubens an die Demokratie) damit, dass sie bei vorschnellem Erlass einzelner Regelungen deren Auswirkungen in der Praxis (mangels eigener praktischer Erfahrung) nicht abgesehen haben.

Meine Frau muss für dasselbe wenige Geld immer mehr arbeiten. Nicht selten sitzt sie jetzt bis 22 Uhr oder länger in der Praxis, um all die neuen bürokratischen Anforderungen (Dokumentationen, Verschlüsselungen, Statistiken usw.) zu erfüllen, die ihr die Politik und Kassen abverlangen. Ganz nebenbei bildet sie sich ständig auf eigene Kosten weiter, leistet hunderte von Fortbildungsstunden im Jahr ab, um ständig wechselnde und neue Qualifikations- bzw. Nachzertifizierungsanforderungen zu erfüllen. Für mich ist es unbegreiflich, woher Menschen wie unsere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit einem geradezu unerschütterlichen Glauben an sich selbst ihren eingeschlagenen Weg weitergehen, ohne dabei nach rechts oder links zu schauen. Bei ihnen ist jedenfalls der von Platon überlieferte Satz des Sokrates, dass wirklich Weise vor allem wissen, dass sie nichts wissen, sicher nicht angekommen.

Unter den Gesundheitspolitikern der Koalitionsparteien befindet sich aber nach meinem Eindruck ein Mann, der zumindest über ein hinreichend theoretisches Wissen verfügen müsste, um die komplizierten Verästelungen und Zusammenhänge der Gesundheitspolitik zu durchblicken: Der SPD-Gesundheitspolitiker und „Gesundheitsökonom“ Dr. Karl Lauterbach. Lauterbach übernimmt neben seinem Abgeordnetenmandat nicht gerade wenige lukrative Aufgaben aus dem Gesundheitsbereich, wie bereits ein flüchtiger Blick auf die Homepage des Deutschen Bundestages zeigt: „Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat: AOK Bayern, München, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, März 2006, Stufe 3; AOK Rheinland, Düsseldorf, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, Februar 2006, Stufe 3; Barmer Ersatzkasse, Wuppertal, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, März 2006, Stufe 3; Klinikum Bremen-Mitte gGmbH, Bremen“usw.) . Als „Funktionen in Unternehmen“ nennt die Homepage des Bundestages bei Lauterbach: „Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt/Saale, Mitglied des Aufsichtsrates, Dezember 2005, Stufe 3; 2006, Stufe 3; 2007, Stufe 3“). Da hätten wir endlich einen Politiker, der im Stande sein könnte, Lösungen für komplexe Gesundheitsfragen mit zu erarbeiten, aber der setzt seine politische Glaubwürdigkeit durch zig Aufträge und Posten aufs Spiel.

Sachkenntnis und Grundlagenwissen um das Rechtsgebäude der Demokratie scheinen mir bei Politikern allerdings eher die Ausnahme zu sein. Vielleicht irre ich mich auch, aber ich habe nicht den Eindruck, dass allzu viele unserer Politiker die wichtigsten Artikel unseres Grundgesetzes auswendig benennen könnten. Wir sollten sie auf Wahlkampfveranstaltungen auf die Probe stellen: Fragen wir unsere Kandidaten zunächst doch ganz einfach, ob im Grundgesetz Artikel (richtig) oder Paragraphen (falsch) stehen. Lassen wir uns von ihnen im Anschluss 6 Grundrechte mit den dazugehörigen Artikeln benennen. Wenn sie nicht im Stande sind, solche Fragen zu beantworten, sollten wir von ihnen dringend eine „Nachzertifizierung“ (auf eigene Kosten) verlangen.

Wenn ich Gedichte kritisiere, mache ich stets meine Kritik an einzelnen Worten fest. Deshalb nenne ich Ihnen an dieser Stelle Zahlen: Ein bayerischer Hausarzt bekommt pro Patient im Quartal, d. h. in drei Monaten, ca. € 45,- von der Kassenärztlichen Vereinigung. Mit diesem Betrag sind alle Leistungen abgegolten: Beratungen, Untersuchungen wie EKG, Ultraschall, Lungenfunktionstest, auch Telefonate mit Patienten, Krankenkassen, Kollegen in der Praxis und im Krankenhaus, Hausbesuche bei Tag und bei Nacht usw.

Eine durchschnittliche hausärztliche Kassenarztpraxis in Oberbayern versorgt nach dem Kenntnisstand meiner Frau etwa 800 bis 1000 Patienten im Quartal. Pro Quartal erwirtschaftet eine solche Musterpraxis also einen Umsatz zwischen € 36.000,- und € 45.000,- (d. h. monatlich € 13.000,- bis € 15.000,-).

Von diesen Einnahmen müssen die Gehälter der medizinischen Fachangestellten (im Durchschnitt: 2,5) und der Reinigungskraft bezahlt werden, die Miete der Praxisräume, Strom, Heizung, Wasser, Müllabfuhr, Kredite für Praxisausstattung und medizinische Geräte, Verbrauchsmaterial (z. B. Spritzen, Infusionsbesteck, Einmalhandschuhe), Laborbedarf, Fortbildungskosten für Arzt und Mitarbeiterinnen, Wartezimmerlektüre, Praxisversicherungen, Betriebsarzt und Sicherheitsbeauftragter und vieles anderes mehr. Je nach Praxisstruktur betragen diese monatlichen Kosten zwischen € 10.000,- und € 12.000,-, d. h. dem Arzt bleiben ungefähr € 3.000,- im Monat.

Von diesen € 3.000,- müssen Renten- und Krankenversicherungsbeiträge in voller Höhe (also nicht nur der Arbeitnehmeranteil wie bei Angestellten), Versicherungen für Berufsunfähigkeit und Berufshaftpflicht, Lebensversicherung (verlangt die Bank), PKW für Hausbesuche, Rücklagen für Anschaffungen sowie das private Leben finanziert werden.

Um Facharzt für Allgemeinmedizin zu werden, muss man Abitur haben, mindestens 6 Jahre studieren, danach mindestens 5 Jahre als Assistenzarzt in Krankenhäusern und Praxen arbeiten mit zahlreichen Bereitschafts-, Wochenend- und Nachtdiensten und danach noch eine Facharztprüfung ablegen. Außerdem muss man sich laufend fortbilden und Nachprüfungen, sog. Zertifizierungen, ablegen. Ein durchschnittlicher Hausarzt arbeitet in Bayern mindestens 60 Stunden pro Woche. Der Bruttostundenlohn für einen Hausarzt in einer reinen Kassenpraxis beträgt damit etwa € 11,-.

Dieser Kassenlohn ist, angesichts der Verantwortung für Leib und Leben, die dieser Beruf erfordert, indiskutabel. Ohne Privatpatienten könnte in vielen Regionen aus meiner Sicht kein regulärer Praxisbetrieb mehr aufrecht gehalten werden.

Ich habe volles Verständnis dafür, dass Bayerns Hausärzte endlich auf die Barrikaden steigen, um sich gegen die Rücksichtslosigkeit und Ignoranz der Gesundheitspolitiker und Kassenfunktionäre zu wehren und erkläre mich mit ihnen solidarisch. Ich werde alle Publizisten, die ich als Verleger, Autor und Herausgeber insbesondere für Verlage wie dtv Hanser, Reclam, Eichborn und die edition Chrismon (Evangelische Kirche Deutschlands) kenne, auf diesen Missstand aufmerksam machen und sie um aktive Unterstützung bei der nötigen Aufklärungsarbeit bitten. Aus Scham und Rücksicht auf ihre Patienten, aber auch aus Zeitmangel wegen totaler Überarbeitung haben viele Ärzte bislang keine konkreten Zahlen genannt. Ich denke, diese Zahlen mussten endlich auf den Tisch, um zu zeigen, wohin hilflose Politiker die eigentlichen Säulen des deutschen Gesundheitssystems, die Hausärzte, gebracht haben. Dass sich für einen solchen Hungerlohn kein ärztlicher Nachwuchs mehr in diesem Land rekrutieren lässt, mag jedem einleuchten.

Ich bezweifle allerdings, ob der Weg des Systemausstiegs aus der Kassenärztlichen Versorgung, den der Bayerische Hausärzteverband eingeschlagen hat, sich auf Dauer als der richtige Weg erweist. Bayerns DGB-Chef Fritz Schösser, der auch Vorsitzender des Verwaltungsrates des AOK-Bundesverbandes ist, sprach in diesem Zusammenhang von einer „rücksichtlosen Selbstinszenierung der Ärzteschaft“ (vgl. SZ vom 1. Februar 2008). Auch wenn sich Schösser mit seinen markigen Worten vermutlich auf den Systemausstieg einschießt, belegt er damit vor allem seine Ahnungslosigkeit in der Sache. Denn ein mit üppigen Privilegien ausgestatteter Berufsfunktionär wie Schösser würde für 11 Euro Stundenlohn keinen Fuß vor die eigene Haustüre setzen, geschweige denn um Mitternacht oder noch später zu einem Hausbesuch ausrücken.

Ich meine, dass es zu Verhandlungen auf Augenhöhe mit den Krankenkassen gerade eine starke Ärzteschaft braucht, die sich nicht zersplittern lässt, sondern geschlossen auftritt und insbesondere mit ihren Patienten, die ja alle über eine Stimme als Wählerinnen und Wähler verfügen, an einem Strang zieht. Der derzeitige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Axel Munte, scheint mir (zumindest nach seinen ersten Statements) weder für die Ärzte noch für die Patienten der richtige Mann zu sein. Wenn er sagt, es gäbe ohnehin zu viele Hausärzte in Bayern und mit der Einstellung polnischer, tschechischer und ukrainischer Ärzte droht, gießt er Wasser auf die Mühlen all derjenigen, die jetzt für einen Ausstieg der Hausärzte aus der kassenärztlichen Versorgung plädieren und damit die Zersplitterung der Ärzteschaft riskieren. Seine Aussage, es gäbe sogar noch eine Ärztegruppe, die noch schlechter gestellt sei, als die Hausärzte, nämlich die der Augenärzte, erinnert an den jämmerlichen Versuch, Kinderarmut in Deutschland mit der noch schlimmeren Armut von Kindern in der dritten Welt zu relativieren.

Allerdings zeigt jetzt auch Munte Verständnis für die Situation der Hausärzte (vgl. SZ vom 4.2.2008), die von der Bürokratie „drangsaliert“ würden: „Je mehr man reglementiert, desto teurer wird es“, sagt er und wirft Politikern vor, dass sie gerade dabei seien, „das beste Gesundheitssystem der Welt“ zu zerstören. Der schwerste Fehler der Politik ist auch nach seiner Meinung der für 2009 geplante Gesundheitsfonds, weil damit allein in Bayern weitere 500 Millionen Euro für die ambulanten Ärzte verloren gingen. Die Einführung des Gesundheitsfonds lehnt übrigens inzwischen auch SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ab, der dieses neue Bürokratiemonster vorher selbst mitbeschlossen hatte.

Wenn Sie mit mir der Meinung sind, dass unser bisheriges System eines persönlichen Hausarztes, der seine Patienten zum Teil ein Leben lang begleitet, ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Gesundheitssystems ist, dann müssen wir dies den verantwortlichen Politikern auch mitteilen. Beginnen wir damit direkt in den Ortsverbänden, im Kommunalwahlkampf.

Im März 2008 sind in Bayern Kommunalwahlen, im Herbst Landtagswahlen. Insbesondere die Parteien der Großen Koalition (SPD, CDU/CSU) haben meiner Meinung nach das katastrophale Absinken eines ganzen Berufsstandes und den Exodus des ärztlichen Nachwuchses in Deutschland mit einer Serie von Fehlentscheidungen zu verantworten. Wenn sie jetzt nicht sofort die Notbremse ziehen und eine Kehrtwende einleiten, also beispielsweise von der Einführung des unsinnigen Gesundheitsfonds abrücken, der die Bürokratie im Gesundheitswesen weiter aufbläht und die ärztliche Honorarsituation drastisch verschärft, könnte sich ein Kreuz für eine dieser Parteien auf dem Stimmzettel vielleicht (im übertragenen Sinne) zu einem Kreuz für das ganze weitere Leben auswachsen.

Bis spätestens zum 11.03.2008 besteht die Möglichkeit, eine öffentliche Petition gegen den Gesundheitsfonds online auf der Internetseite des Deutschen Bundestages www.bundestag.de mit zu unterzeichnen.
Folgender Hyperlink führt direkt zur Petition:
http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/view_petition.asp?PetitionID=618

Durch Mitunterzeichnung der Petition können Sie ein Zeichen setzen gegen die bisherige Gesundheitspolitik der Großen Koalition. Aber die direkte, persönliche Ansprache von Kommunalpolitikern und Parteimitgliedern vor Ort ist der beste Weg, um von unten eine durchgreifende Veränderung einzuleiten.

Ich bitte Sie dabei herzlich um Ihre Unterstützung.
Besten Dank und viele Grüße,

Anton G. Leitner

Überwältigt vom Fest der Liebespoesie

Liebe Besucherinnen und Besucher,

ich bin noch immer vollkommen überwältigt von unserem „Fest der Liebespoesie“ am 22.1.2008 im Literaturhaus München. Das Echo auf diesen Abend (400 Besucherinnen und Besucher, über 50 weitere Besucher konnten wegen Überfüllung nicht mehr eingelassen werden) hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen.

Das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) zeichnete die Veranstaltung auf, ein über 4 Minuten langer Beitrag lief noch am selben Abend im ARD-Nachtmagazin vom 23.1.2008, das noch online steht: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video265370_bcId-nm220_ply-internal_res-flash256_vChoice-video265370.html

Internet-Blogerin Aveleen Avide hat den Abend mit einer ganzen Fotoserie und einzelnen Videos aus ihrer Sicht dokumentiert und kommentiert: http://aveleen-avide.blog.de/2008/01/27/lesung_am_22_01_2008_im_literaturhaus_in~3638794

Ich bin noch immer dabei, alles aufzuarbeiten, was mir im Zuge der Festvorbereitungen hier liegen geblieben ist. Mich umgeben ganze Stapel von Papier und das ist auch der Grund, warum ich mich bislang nicht nach unserem Fest gemeldet habe.

Ich werde aber in den nächsten Tagen hier noch mehr zum Fest und den Reaktionen darauf schreiben sowie an dieser Stelle meinen Solidaritätsaufruf für alle Hausärzte ins Netz stellen.

NEU: „Zu mir oder zu dir? Verse für Verliebte“ (dtv, Reihe Hanser)

Vor wenigen Tagen ist hier meine neue Sammlung „Zu mir oder zu dir? Verse für Verliebte“ eingetroffen (dtv, Reihe Hanser 62341). Ein wunderschönes Mini-Taschenbuch im Kultformat von „SMS-Lyrik“, ab sofort im Buchhandel zu beziehen.

„Zu mir oder zu dir?“ versammelt 100 prickelnde Verse für Verliebte aus 250 Jahren – von Johann Wolfgang von Goethe über Tanja Dückers, Said und Michael Wildenhain bis zur 1992 geborenen Jungautorin Aline Müller. Viele der Gedichte sind eigens für diesen Band verfasst worden.

„Herausgeber Anton G. Leitner beteiligte die 15-jährige Schülerin Marina Elsner an der Auswahl und Komposition dieses Bändchens. Wie seine höchst erfolgreiche Anthologie SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie (dtv Reihe Hanser 62124; 3. Aufl.) eröffnet auch dieser Band (nicht nur) Jugendlichen einen frischen und unverkrampften Zugang zur Lyrik“, heißt es dazu in der dtv-Presseerklärung vom 1. Februar 2008.

Soviel in aller Kürze für heute und bis ganz bald

Ihr Anton G. Leitner

aus Weßling,
dem „deutschen Hauptdorf der Poesie“ (Joachim Sartorius)