Hugendubel-Gedicht des Tages / DAS GEDICHT Clips auf YouTube

Liebe Leserinnen und Leser,

hinweisen möchte ich Sie heute noch auf ein Gewinnspiel, das derzeit die Buchhandlung Hugendubel auf ihrer Internet-Startseite zur neuen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17 veranstaltet. Im Rahmen dieser Aktion können Sie Friedrich Ani und mir auch Fragen stellen.

DG17-Cover-9783929433692Wenn Sie die Internetseiten von Hugendubel besuchen, sollten Sie sich bei dieser Gelegenheit auch die kompetent betreute Rubrik „Gedicht des Tages“ anschauen. Bei mir ist es inzwischen zur schönen Gewohnheit geworden, jeden Tag im Büro mit dem Lesen  des dortigen „Gedicht des Tages“ zu beginnen.

Künftig beabsichtigen wir, in unregelmäßigen Abständen Videoclips mit Lyrikern auf YouTube ins Netz zu stellen. Als „Muster“ ist bereits ein erster Lyrik-Clip mit mir online, in dem ich mein Gedicht „Wo waren wir“ rezitiere.

Soviel für heute.
Herzliche Grüße aus Weßling
und bis bald wieder an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner

“Wir sind Päpstin!” Viel dekorierte deutsche Autorin Herta Müller mit Nobelpreis ins Ziel eingelaufen

 

Liebe Leserinnen und Leser,

als am Dienstag, den 7. Oktober 2009 Literaturpreisskeptiker Eckard Henscheid im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters den bayerischen Jean-Paul-Preis für sein Lebenswerk entgegennahm, thematisierte der solchermaßen Geehrte in der Dankesrede sein ambivalentes Verhältnis zu Preisvergaben dieser Art. So kann ich Henscheid nur beipflichten, wenn er registriert, dass es immer mehr Literaturpreise gibt. Und diese inflationären und teilweise üppig ausgestatteten Preise werden seltsamerweise zum überwiegenden Teil an die immer gleichen Schriftsteller vergeben. Denn wenn ein Literat schon fünf Preise erworben hat, kann die Jury nichts falsch machen, wenn sie ihm auch noch den sechsten Preis verleiht und so weiter und so fort.

Kaum eine Jury traut sich heute noch ein wirklich eigenes Urteil zu, man setzt lieber auf „bewährte Namen“, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Diese durch fehlenden Mut bestimmte Vergabepraxis von Kunst- und Kulturpreisen führt, ein wenig überspitzt gesagt, dazu, dass „clevere“ Autorinnen und Autoren sich strategisch genauestens über die Zusammensetzung von Jurys informieren und schon im Vorfeld einiges unternehmen, um entsprechende Juroren für sich und ihr Werk zu erwärmen. Wer einmal selbst in Jurys mitgewirkt hat, kann über dieses Phänomen einige Anekdoten zum Besten geben, auch über das zwischen Demut / Anbiederung und Hochmut / Distanz chargierende Verhalten von Künstlern vor und nach der jeweiligen Auszeichnung. Ich selbst meine, dass man manchen literarischen Werken hierzulande fast anlesen kann, dass sie im Hinblick auf eine spätere Preisverleihung oder Stipendienvergabe verfasst worden sind.

Und es sollte uns allen zu denken geben, dass es hierzulande einzelne Autoren gibt, die inzwischen weit mehr als 200 Literaturpreise eingeheimst haben − wenn ich Eckard Henscheid richtig verstanden habe, gehört dazu auch allen voran Günter Grass.

Nun ist es mir, als ich erfahren habe, dass die deutsche Schriftstellerin Herta Müller den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält, in etwa so ergangen wie nach der Wahl von Josef Kardinal Ratzinger zum Papst: Im ersten Moment habe ich mich gefreut, danach aber ist bei mir sehr schnell ein Stadium der Ernüchterung und Skepsis eingetreten. Denn mehr als einmal habe ich mich als Katholik für Entscheidungen von Papst Benedikt XVI zutiefst geschämt, seien es Äußerungen zu Homosexuellen, zur Schwangerschaftsberatung, unglückliche Berufungen von „Hardlinern“ zu Bischöfen oder Kardinälen oder Rehabilitierungen stockkonservativer Kleriker, unter ihnen ein Holocaust-Leugner, dies nur einzelne Glieder aus einer ganzen Kette von Peinlichkeiten.

Nun will ich Herta Müller nicht über einen Kamm mit Papst Benedikt scheren. Ich gratuliere ihr herzlich zum Erhalt des diesjährigen Nobelpreises für Literatur. Aber natürlich ist es erlaubt, sie als Autorin in Kontext zu setzen mit Dichtern, die den Nobelpreis für Literatur nicht erhalten haben. Unter den Lyrikern allen voran Giuseppe Ungaretti, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, unter den großen Prosaikern Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

Als Herausgeber der Zeitschrift DAS GEDICHT kann ich in erster Linie nur etwas zu Herta Müllers lyrischem Werk sagen, und stelle aus aktuellem Anlass Auszüge aus unserer Kritik zu Herta Müllers Gedichtband DIE BLASSEN HERREN MIT DEN MOKKATASSEN (Carl Hanser Verlag, München und Wien 2005) hier online (Quelle: DAS GEDICHT Nr. 14, Weßling 2006):

 Müller„Ein literarisches und optisches Vergnügen, Gedicht und Collage zugleich“ verspricht der Verlag auf dem Umschlag dieses vierfarbig gedruckten Gedichtbandes und versteigt sich schließlich sogar zu der Aussage, es handle sich dabei um „ein Wunderwerk der poetischen Phantasie“. Eine Zeit-Kritikerin sekundiert: „Diese luftigen, surreal verspielten Texte sind schön, weil ihnen die Erschütterung spürbar vorausgeht.“ Vielleicht haben sich manche Juroren von der großen Lippe des Klappentextes betören lassen; denn nach Veröffentlichung von Müllers BLASSEN HERREN MIT DEN MOKKATASSEN setzte ein warmer Preisregen für die Autorin ein: vom Berliner Literaturpreis über den Würth-Preis für Europäische Literatur bis hin zum Walter-Hasenclever-Literaturpreis reichte der Segen. Nun kann man der 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf (Rumänien) geborenen Schriftstellerin ihr Geschick, mit einem relativ schmalen literarischen Werk maximale Wirkung zu erzielen, nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil. Ihr aktuelles „Wunderwerk“ hätte jedoch schon vor Jahrzehnten gestandenen Dadaisten lediglich ein müdes Gähnen entlockt. Die poetische Methode dahinter ist alt, aber noch immer populär. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die sog. „Kühlschrankpoesie“, bei der vorgegebene Worte mit Magneten auf Kühlschränken fixiert werden. Seminarleiter für kreatives Schreiben schwören oft auf Herta Müllers Technik: Man greife zur Schere, schnipsle einzelne Worte aus verschiedenen Zeitschriften oder Tageszeitungen, bediene sich danach aus dem Versbaukästchen, klebe Zeile für Zeile ein Wort neben das andere – und fertig ist das Gedicht! Der Reiz, den ihre „Schnipsellyrik“ zweifellos entfaltet, liegt im Zusammenwirken von zufälligem und kalkuliertem Worteinsatz durch eine Schriftstellerin, die nicht nur mit der Schere umgehen kann: „mir tickt die Wolke / durch den Kopf und die Stadt / sitzt krötenstill morgens vor / meinem Mantelknopf“.

Wirklich überrascht war ich von der Entscheidung des Nobelpreiskomitees für Herta Müller also nicht. Aber in das unumschränkte Jubelgetöse unserer Feuilletonisten, von denen übrigens nicht wenige selbst in wichtigen literarischen Jurys sitzen, kann und will ich nicht mit einstimmen. Im Gegenteil: Mich ärgert die gerade von Henscheid beklagte Methodik der Preisvergabe, die bei regionalen Preisen beginnt und bei den ganz großen Preisen endet und bei der die ganz Großen der Literatur nicht selten leer ausgehen, etwa aus Neid, weil sie mit ihren Werken auch im Stande sind, ein großes Publikum zu begeistern, seien es Max Frisch oder Giuseppe Ungaretti, von dem manche Verse in Italien bis heute viel zitiertes Allgemeingut sind. Und wenn ich wahrnehme, dass nicht wenige Stipendien und kleinere Literaturpreise inzwischen auch gerne an die Kinder von bekannten Autoren vergeben werden (ich spare mir jetzt, sie namentlich an den Prager zu stellen, aufmerksamen Lesern werden deren Familiennamen beim Lesen entsprechender Meldungen ohnehin bekannt vorkommen), dann kann ich Henscheids indirekten Appell an Juroren, bei ihren Entscheidungen mehr Mut zu zeigen nur zustimmen. Denn nichts als das literarische Werk selbst wird letzten Endes darüber entscheiden, ob es in hundert oder tausend Jahren noch Menschen gibt, die es lesen. Homer, Horaz, Catull, Sappho & Co. haben dazu jedenfalls keinen Nobelpreis für Literatur gebraucht. Und Ernst Jandl, Giuseppe Ungaretti und Max Frisch auch nicht! 

Mit herzlichen Grüßen aus Weßling,
und vielleicht sehen wir uns ja heute Abend
um 19 Uhr im Theaterzelt „Das Schloss“ in München?
Ihr Anton G. Leitner

dtv-Anthologie “power” unter den „50 besten Kinder- und Jugendbüchern 2010“

Liebe Leserinnen und Leser,

2009 war ein Jahr, das mir bislang nichts geschenkt hat. Aber es war auch eines meiner kreativsten Jahre überhaupt. Innerhalb von sechs Monaten erschienen fünf Anthologien bei dtv und eine Anthologie bei Reclam.

Die ununterbrochene Arbeit hat sich gelohnt, wie es scheint. Denn meine neue dtv-Anthologie „power“ (hier eine Leseprobe) gelangte in den viel beachteten Kanon Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“, der traditionell auf der Frankfurter Buchmesse von Nicola Bardola präsentiert wird. Der renommierte Buchexperte Bardola stellt schon zum fünften Mal die 50 besten Kinder- und Jugendbücher der laufenden Buchsaison vor. Dabei wird er von einer prominenten Jury von Autoren, Journalisten und Buchhändlern unterstützt.

9783423137775_power300dpi„power ist eine schmale Poesiesammlung, eine Brausetablette im Büchermeer, die es in sich hat und jungen Menschen zeigen kann, wie wichtig gute Gedichte heute sind. Keine andere literarische Gattung geht so sorgfältig mit Sprache um wie die Lyrik. Wer Lyrik liest, ist gewappnet für jegliche Form von wertvollen Texten bis hin zum täglichen Sprachmüll. […]. Es sind viele High-speed-Verse dabei, die vom Gasgeben, von Stampeden, von bouncenden Bässen in Bassboxen oder von Propellern, die gesprossen sind an Ober- und Unterschenkeln erzählen: da burnst du baby yeah. Lies doch mal!“, heißt es in der Begründung, die ab November sogar in Buchform nachzulesen ist, nämlich in: Nicola Bardola, „Lies doch mal! Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher 2010“ (cbj).

Mich freut es besonders, dass “power” den Sprung unter die Top 50 der Kinder- und Jugendbuchsaison 2009 geschafft hat, da es ja eigentlich im “Erwachsenprogramm” bei dtv erschienen ist. Aber ich hatte mir die innere Vorgabe auferelgt, dass diese Sammlung (sowie ihre beiden Schwestern “relax” und “smile”) besonders auch junge Leserinnen und Leser ansprechen soll.

Soviel für heute. Jetzt aber hinaus ins Freie, um noch einige Sonnenstrahlen zu erwischen!

Herzliche Grüße
und bis bald an dieser Stelle,
Ihr Anton G. Leitner

„Wenn Worte leuchten!“ – Ani, Leitner und Schweiggert im Münchner Theaterzelt „Das Schloss“

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Sonntag, 11. Okt. 2009, 19 Uhr (Einlass: 18 Uhr)
Eintritt: 14,- €; ermäßigt: 12,- €; Schüler und Studenten: 10,- €
Veranstaltungsort:
Theaterzelt DAS SCHLOSS
Schwere-Reiter-Straße 15, 80637 München
Infos und Tickets: 089/1434080; 089/54818181 (München Ticket);  0180/11001200 (SZ Ticket)
Öffentliche Verkehrsmittel / MVV
Tram: Linie 20 und 21, Haltestelle Leonrodplatz
Linie 12 Haltestelle Leonrodplatz / Infanteriestraße
Bus: Linie 53 Haltestelle Leonrodplatz / Infanteriestraße
Parkmöglichkeiten:
Eigene Parkplätze für PKW und Busse.

Liebe Freundinnen und Freunde der Poesie,

auch im Namen von meinen Kollegen Friedrich Ani und Alfons Schweiggert möchte ich Sie für kommenden Sonntag um 19 Uhr herzlich zu unserem gemeinsamem Abend der lyrischen Lust ins Münchner Theaterzelt DAS SCHLOSS einladen. Ich würde mich freuen, Sie an diesem ganz besonderen Leseort begrüßen zu dürfen.

Mit Friedrich Ani verbindet mich seit Anfang der 80er eine Freundschaft. Ich habe ihn in einer Zeit kennengelernt, als er noch keine Kriminalromane schrieb, sondern ausschließlich Gedichte. Der Lyriker Friedrich Ani, das wird manche von Ihnen vielleicht überraschen, betrat schon lange vor dem Romancier Ani die literarische Bühne. Friedrich Ani und ich haben gerade zusammen die neueste Ausgabe der Zeitschrift „DAS GEDICHT“ herausgegeben. Die 17. Folge von DAS GEDICHT steht unter dem Thema „Fürchte dich nicht – spiele!“ und ist nach meinem Empfinden eine der spannendsten GEDICHT-Ausgaben überhaupt (hier zum Inhalt /Leseprobe). Die gemeinsame kreative Arbeit rund um das Thema „Angst“ hat uns beiden so viel Vergnügen bereitet, dass wir im Nachgang mehrere gemeinsame Veranstaltungen dazu machen und damit wieder an jene Zeiten anknüpfen, in denen wir als junge Autoren oft und gerne in ganz Deutschland zusammen unterwegs waren.

Das Thema unserer Ausgabe ist derzeit so aktuell, dass es uns geradezu unheimlich stimmt. Denn im neuen GEDICHT thematisiert u. a. ein erfahrener Schulleiter aus NRW, warum sich heute Lehrer vor ihren gewaltbereiten Schüler fürchten und der bayerische evangelische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich hält ein Plädoyer für Zivilcourage. Und die Kinder selbst berichten darin in Versen von gewalttätigen Übergriffen ihrer Mitschüler …

Cover-DG17-blau-75dpiDAS GEDICHT 17 erscheint mitten im Krisenjahr 2009, zu einem Zeitpunkt, in dem viele andere lyrische Projekte von der Bildfläche zu verschwinden drohen, weil ihre Sponsoren kein Geld mehr haben. Es war immer mein Credo, DAS GEDICHT als eine Art „Publikumszeitschrift für Poesie“ zu betreiben, um es unabhängig von Subventionen überlebensfähig zu halten. Inzwischen hat sich die Lage im Buchhandel kleinen Verlagen gegenüber so drastisch verschärft, dass ich DAS GEDICHT mehr und mehr direkt vertreiben muss.

Nachdem ich jetzt länger ausgeholt habe, um darüber zu schreiben, was mich mit Friedrich Ani verbindet, schließe ich den Bogen, um Ihnen noch zu verraten, was Alfons Schweiggert und ich über das Gedichteschreiben hinaus gemeinsam haben: wir gehören zu den Münchner „Turmschreibern“. Alfons Schweiggert schon seit vielen Jahren, ich selbst seit kurzem (dazu gibt es auch einen eigenen Blogeintrag).

Abschließend weise ich Sie noch auf weitere Veranstaltungen von uns in der nächsten Zeit im Großraum München hin:

19. November 2009, 20 Uhr, Gauting (Kulturforum Don Bosco)
Gedichte vom Werden, Lieben und Vergehen mit Ani/Leitner/Bardola/Laar.

20. November 2009, 19:30 Uhr, Erding (Landkreisbibliothek, Aula Anne-Frank-Gymnasium) Lyriknacht mit Leitner/Steinherr.

1. Dezember 2009, 20 Uhr, München (GAPCafe • Bar • Restaurant)Ani/Bardola/Dobler/Leitner/Ostermaier & Co. präsentieren DAS GEDICHT 17: „Fürchte dich nicht – spiele!“

Ich würde freuen, Sie im Theaterzelt DAS SCHLOSS begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße aus Weßling, das heute ein kräftiges Sonnenbad nimmt,
und bis bald,
Ihr Anton G. Leitner

Anton G. Leitner ist Turmschreiber

Liebe Leserinnen und Leser,

am Samstag, den 26. September 2009 haben mich die „Turmschreiber“ (München) einstimmig zu ihrem neuen Mitglied gewählt. Um die Mitgliedschaft bei den „Turmschreibern“ kann man sich nicht bewerben, sie erfolgt auf Einladung und Beschluss der Autorengilde.

Die Münchner Turmschreiber feiern in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. Zur Gruppe, deren Schutzpatron Karl Valentin ist, gehören u. a. die Autorinnen Asta Scheib und Petra Morsbach  sowie Herbert Rosendorfer, Fitgerald Kusz und Eugen Roth (1895–1976), aber auch streitbare Journalisten wie Hannes Burger und Kabarettisten (z. B. Christian Springer, alias “Fonsi”).

Weil ich bei meiner schriftstellerischen und editorischen Arbeit verstärkt zu einem „Wertekonservativismus“ sozialliberaler Prägung neige, der sich immer wieder mit meinem langjährigen Hang zur Renitenz paart, fühle ich mich bei den Münchner Turmschreibern gut aufgehoben und freue mich auf intensive Begegnungen mit meinen Turmschreiber-Kollegen, von denen ich viele ohnehin bereits seit vielen Jahren kenne.

Netzseite “Die Turmschreiber”
Netzseite “Freundeskreis der Turmschreiber”

„Schluss mit Solidarität!“

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Weßling, den 20./21. September 2009

Liebe Leserinnen und Leser,

auch am Sonntag bin ich wieder einmal in meinem Verlag und dort mit der Auslieferung der druckfrischen Ausgabe von DAS GEDICHT Nr. 17 beschäftigt. Und einmal mehr gehe ich nur in Gedanken mit meiner Mittelschnauzerin Nelly um den idyllischen Weßlinger See spazieren, der nur wenige hundert Meter von meinen Verlagsräumen entfernt liegt. Hat aber auch vielleicht sein Gutes, dann muss ich mich nicht über das aggressive Plakat eines Milchbauern ärgern, der, wie ein Blick in die einschlägige Suchmaschine zeigt, allein schon im vergangenen Jahr von der EU Subventionen in einer Höhe bezogen hat, die an das Jahresgehalt eines Normalverdieners grenzen.

Nun bin ich der Letzte, der den Milchbauern keine fairen Preise für ihre Milch zahlen möchte, aber wenn ich im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung lese, dass auch Milchbauern aus unserer Region Milch mit dem Güllewagen aufs Feld fahren und dort bis zu 70.000 Liter aus Protest verschütten, während anderswo auf der Welt tausende von Menschen verhungern, dann bin ich fassungslos. Und dann reut mich jeder Cent, der auch aus meinem nicht minder hart verdientem Geld „Landwirten“ wie diesen zufließt und ich ärgere mich noch mehr darüber, dass zu solchen wahnsinnigen Aktionen kein Kirchenmann oder Politiker klar und deutlich Stellung bezieht. Deshalb tue ich es wenigstens auf meinem Blog: Den Landwirten, die mit solch einer Verachtung und Respektlosigkeit mit Lebensmitteln umgehen, gehört der Geldhahn aus Brüssel abgedreht. Und zwar so schnell wie möglich.

Bevor ich mich aber noch weiter erbose, vielleicht auch, weil ich so der Auslieferungsarbeit zu entkommen hoffe, kann ich noch über erste Sofort-Reaktionen von Leserinnen und Lesern auf die neue GEDICHT-Ausgabe Nr. 17 berichten.

„Einmal ist Schluss, weil man/frau kann nicht überall mitmischen und unterstützen; es gibt leider kein Miteinander und keine Solidarität“, mailt eine Abonnentin und lässt ihrer Behauptung gleich Taten folgen, nämlich die Kündigung. „Die Mayröcker interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass von ihren zigtausenden von Gedichten 95% geistloses und überflüssiges Geschwätz sind“, mailt mir ein anderer Leser. Eine weitere Leserin erkundigt sich nach unseren Aufnahmekriterien, weil sie eigentlich der Meinung sei, dass es auch ihre Gedichte verdient hätten, im neuen GEDICHT zu stehen.

Angesichts der Tatsache, dass in der neuen GEDICHT-Ausgabe über acht Monate Arbeitszeit stecken, tun solche Spontanreaktionen, die vielleicht auch aus der Verärgerung heraus entstanden sind, nicht selbst in der Ausgabe vertreten zu sein, natürlich sehr weh. Denn insbesondere von Kolleginnen und Kollegen würde ich mir einen respektvolleren und sensibleren Umgang mit der literarischen Arbeit anderer wünschen. Friederike Mayröcker gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten lebenden Lyrikerinnen aus unserem Sprachkreis, an ihre Wortmacht, ihren Wortschatz und ihr Reflexionsvermögen kann nur ein Bruchteil all jener Zeitgenossen, die mehr oder weniger erfolgreich Gedichte schreiben, rühren.

Ich denke, wir sind ohnehin schon eine vom Neid infizierte Gesellschaft, wir sollten es uns deshalb insbesondere als Lyriker gönnen, uns an den Texten anderer zu erfreuen und sie zu genießen. Ich lese gerne den SPIEGEL, egal, ob ich selber drinstehe oder nicht, und habe, das sei an dieser Stelle auch einmal gesagt, in den ersten zehn Jahrgängen meiner Zeitschrift DAS GEDICHT kein einziges Gedicht von mir darin veröffentlicht. Ich tat dies erst, als meine Gedichte in Standardwerke wie Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ (herausgegeben von Prof. Wulf Segebrecht) oder in „Das große deutsche Gedichtbuch“ von Professor Karl Otto Conrady aufgenommen wurden, dem ich bei dieser Gelegenheit ganz herzlich zum renommierten „Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik“ für seine Gedicht-Anthologie Lauter Lyrik – Der Hör-Conrady“ gratuliere. Conrady hat seit  jeher plural getickt, er nahm mich 2000 erstmals in seine Sammlung auf, obwohl wir gerade damals manch kritischen Disput miteinander geführt haben. Aber ein Mann wie er hat sich von solchen Differenzen nicht abhalten lassen, ohne Ansehen der Person, zu tun, was er für richtig hielt. Denn im Zentrum seiner Arbeit standen und stehen immer nur die Texte, d. h. Gedichte selbst und nicht deren Verfasser oder seine persönliche Beziehung zu ihnen. Einzig und allein so kann ein Herausgeber Bücher machen, die dann auch wirklich gelesen werden.

Aber selbstverständlich will ich Ihnen an dieser Stelle auch nicht die ersten positiven Reaktionen auf die neue GEDICHT-Folge vorenthalten. Eine Leserin war so begeistert von der lyrischen Behandlung des Themenkomplexes Angst-Gewalt und „poetische Prävention“, dass sie spontan 100 Exemplare der Ausgabe nachgeordert hat, um sie insbesondere an Gymnasien zu verschenken. Und ein Kollege aus der Buchbranche war so angetan von Ausstattung und Auswahl der aktuellen Folge, dass er für sein Haus sofort die Umschlagseite 4 von DAS GEDICHT 18 (2010) reservierte.

Mir persönlich würde es sicherlich finanziell besser gehen, wenn ich DAS GEDICHT nicht verlegen würde. Denn fast alle Mittel, die ich als Herausgeber und Autor mit anderen Projekten verdiene, fließen in die Zeitschrift. Trotzdem möchte ich keines der 17 existentiellen Arbeitsjahre missen, die ich bislang in mein Herzblatt investiert habe.

Und ich bin überzeugt davon, dass DAS GEDICHT als „Publikumszeitschrift für Lyrik“ heute notweniger ist denn je, da es nach wie vor in der Lage ist, Lyrik in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Auch insoweit unterscheidet es sich von manch einem insiderhaft betriebenen Kraut-und-Rüben-Poesieprojekt im Internet. Aber selbstverständlich gibt es im Netz auch Portale für deutschsprachige Lyrik und ihre Diskussion, die seriös, jenseits des gegenseitigen Schulterklopfens, und vor allem mit redaktionellem Sachverstand betrieben werden. Allen voran der von Andreas Heidtmann verantwortete Poetenladen.

Nachtrag vom 21. September 2009: Einen etwas junggermanistisch angehauchten Streifzug durch die Lyrik im Netz unternahm dieser Tage übrigens die Online-Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. Auch wenn ihr Flanuer offensichtlich einäugig (d. h. mit  mindestens einer literaturbetriebsbedingten Scheuklappe) unterwegs ist, bestätigt er im Wesentlichen meine “Kraut & Rüben-These” – wobei er im Bezug auf den Poetenladen auf eine andere Wertung kommt als ich. Jedenfalls ist es amüsant, die mit ins Netz gestellten Kommentare zu lesen. Irgendwie erinnern sie an eine Auseinandersetzung unter frühpensionierten Laubenkolonisten oder an den Protest von Milchbauern (siehe oben).

So, jetzt aber gleich wieder zurück an den Packtisch und bloß nicht die Bodenhaftung verlieren 😉

Herzliche Grüße aus Weßling
und bald wieder an dieser Stelle
Ihr Anton G. Leitner