Das Maß ist voll. Solidarität mit den Hausärzten

Petition gegen den Gesundheitsfonds

Liebe Besucherinnen und Besucher,

in mir hat sich in den letzten Monaten und Jahren eine solche Wut auf die Politik, insbesondere die Gesundheitspolitik aufgestaut, dass ich mich entschlossen habe, jetzt auch im Namen meiner Frau, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wie viele von Ihnen wissen, bin ich seit über 16 Jahren mit Dr. med. Felizitas Leitner verheiratet, die seit 25 Jahren als Ärztin arbeitet, davon 20 Jahre in eigenen hausärztlichen Praxen (in Saarbrücken und Weßling). Felizitas ist das älteste von neun Kindern einer katholischen Familie aus dem Rheinland. Sie kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie aus keiner Ärztefamilie stammt, was konkret heißt, dass sie sich ohne jede einschlägige elterliche Hilfe, aus eigener Kraft also, jahrelang für ihren Beruf qualifiziert hat. Wer sie kennt, weiß, dass sie mit Leib und Seele Ärztin ist und dieser Beruf für sie Berufung ist. Sie hat diesen Beruf aber auch gewählt, weil sie bei dessen Ergreifung davon ausgehen konnte, dass er sie eines Tages anständig ernähren und ihr ein in finanzieller Hinsicht sicheres Auskommen, unabhängig von der Familie, gewährleisten würde.

Nun hat Felizitas mit mir ausgerechnet einen Mann geheiratet, der zwar examinierter Jurist ist, aber vor 15 Jahren die Vermittlung von Lyrik in den Mittelpunkt seines Arbeitslebens gestellt hat, und sich seither nicht ohne Erfolg um jene literarische Königsgattung bemüht, die von vielen Zeitgenossen mit Spitzwegs Bild „Der arme Poet“ gleichgesetzt wird. Nach 15 Jahren Tätigkeit in diesem Bereich der Kunst kann ich heute sagen, dass es sicherlich kein schwierigeres Feld geben dürfte, um Geld zu verdienen. Meine wenigen Beamtenjahre erscheinen mir in der Rückblende wie „bezahlter Urlaub“. Nun schreibe ich bekanntlich nicht nur selbst Gedichte, sondern ediere und verlege auch die Lyrik von vielen anderen Dichtern der Gegenwart und aus der Literaturhistorie, eine Tatsache, die das zu Vergleichszwecken bemühte Spitzwegbild vom armen Poeten noch eher verschärft. Glücklicherweise entspannt sich aber mit meinem zunehmenden Bekanntheitsgrad die Lage ein wenig.

Allerdings mussten Felizitas und ich jahrelang allein von ihrem ärztlichen Einkommen leben. Und was dies wirklich bedeutet, haben wir am eigenen Leib erfahren. Sie steht täglich um 6 Uhr morgens auf und arbeitet in der Regel bis 21 oder 22 Uhr abends. Mein Arbeitstag reicht von 7 Uhr früh bis ca. 20 Uhr abends. An den Wochenenden gehen wir in der Regel etwas später ins Büro und beenden „schon” um 19 bzw. 20 Uhr unsere Arbeit. Die ersten 5 Jahre während unserer Selbstständigkeit haben wir keinen Urlaub gemacht, also durchgearbeitet. Dass bei einem solchen (nicht ganz feiwilligen) Arbeitspensum des potentiellen Elternpaares ein eigenes Kind Wunschvorstellung bleiben musste, dürfte selbst für katholische Familienpolitiker wie Bischof Mixa nachvollziehbar sein. Ohne unseren immensen, mitunter an die Erschöpfungsgrenze gehenden Arbeitseinsatz, hätten wir bis heute weder die Praxis meiner Frau noch meinen kleinen Verlag durchgebracht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass hierzulande keine Berufsgruppe dringender eine effektive „gewerkschaftliche” Vertretung benötigte, als Freiberufler und Selbstständige. Denn sie schaffen die meisten Arbeitsplätze in unserem Land, sorgen in der Regel für ein familiäres und persönliches Betriebsklima, und werden dafür von der Politik links liegen gelassen, weil deren Spitzenrepräsentanten meist aus Angestellten- oder Beamtenverhältnissen kommen und oft noch nicht einmal in der Lage sind, zwischen Umsatz und Gewinn eines Unternehmens zu unterscheiden, geschweige denn, komplexere betriebswirtschaftliche Abläufe zu analysieren.

Wie oft habe ich aus dem Mund unserer Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt gehört, dass jeder in Deutschland die medizinische Versorgung bekommt, die er benötigt, dass die Krankenkassenbeiträge stabil bleiben würden, dass den „Hausärzten als Lotsen im Gesundheitssystem eine zentrale Rolle“ zukäme und „ihre Rolle im System weiter gestärkt“ würde. Das Gegenteil dieser Ankündigungen ist allerdings Realität. Viele Kollegen meiner Frau müssen Jahr für Jahr im Rahmen von „Regressforderungen“ für bestimmte Medikamente oder Therapien haften, also im Klartext die Rechnungen für ihre Patienten bezahlen, deren Drängen und Wünschen nach bestimmten Medikationen sie aus Gutmütigkeit nachgegeben haben. Ein solches System ist pervers. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass es von Politikern absichtlich entwickelt wurde, sondern entschuldige es (zur Aufrechterhaltung meines Glaubens an die Demokratie) damit, dass sie bei vorschnellem Erlass einzelner Regelungen deren Auswirkungen in der Praxis (mangels eigener praktischer Erfahrung) nicht abgesehen haben.

Meine Frau muss für dasselbe wenige Geld immer mehr arbeiten. Nicht selten sitzt sie jetzt bis 22 Uhr oder länger in der Praxis, um all die neuen bürokratischen Anforderungen (Dokumentationen, Verschlüsselungen, Statistiken usw.) zu erfüllen, die ihr die Politik und Kassen abverlangen. Ganz nebenbei bildet sie sich ständig auf eigene Kosten weiter, leistet hunderte von Fortbildungsstunden im Jahr ab, um ständig wechselnde und neue Qualifikations- bzw. Nachzertifizierungsanforderungen zu erfüllen. Für mich ist es unbegreiflich, woher Menschen wie unsere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt mit einem geradezu unerschütterlichen Glauben an sich selbst ihren eingeschlagenen Weg weitergehen, ohne dabei nach rechts oder links zu schauen. Bei ihnen ist jedenfalls der von Platon überlieferte Satz des Sokrates, dass wirklich Weise vor allem wissen, dass sie nichts wissen, sicher nicht angekommen.

Unter den Gesundheitspolitikern der Koalitionsparteien befindet sich aber nach meinem Eindruck ein Mann, der zumindest über ein hinreichend theoretisches Wissen verfügen müsste, um die komplizierten Verästelungen und Zusammenhänge der Gesundheitspolitik zu durchblicken: Der SPD-Gesundheitspolitiker und „Gesundheitsökonom“ Dr. Karl Lauterbach. Lauterbach übernimmt neben seinem Abgeordnetenmandat nicht gerade wenige lukrative Aufgaben aus dem Gesundheitsbereich, wie bereits ein flüchtiger Blick auf die Homepage des Deutschen Bundestages zeigt: „Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat: AOK Bayern, München, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, März 2006, Stufe 3; AOK Rheinland, Düsseldorf, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, Februar 2006, Stufe 3; Barmer Ersatzkasse, Wuppertal, Wissenschaftliche Beratung und Gutachten, März 2006, Stufe 3; Klinikum Bremen-Mitte gGmbH, Bremen“usw.) . Als „Funktionen in Unternehmen“ nennt die Homepage des Bundestages bei Lauterbach: „Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt/Saale, Mitglied des Aufsichtsrates, Dezember 2005, Stufe 3; 2006, Stufe 3; 2007, Stufe 3“). Da hätten wir endlich einen Politiker, der im Stande sein könnte, Lösungen für komplexe Gesundheitsfragen mit zu erarbeiten, aber der setzt seine politische Glaubwürdigkeit durch zig Aufträge und Posten aufs Spiel.

Sachkenntnis und Grundlagenwissen um das Rechtsgebäude der Demokratie scheinen mir bei Politikern allerdings eher die Ausnahme zu sein. Vielleicht irre ich mich auch, aber ich habe nicht den Eindruck, dass allzu viele unserer Politiker die wichtigsten Artikel unseres Grundgesetzes auswendig benennen könnten. Wir sollten sie auf Wahlkampfveranstaltungen auf die Probe stellen: Fragen wir unsere Kandidaten zunächst doch ganz einfach, ob im Grundgesetz Artikel (richtig) oder Paragraphen (falsch) stehen. Lassen wir uns von ihnen im Anschluss 6 Grundrechte mit den dazugehörigen Artikeln benennen. Wenn sie nicht im Stande sind, solche Fragen zu beantworten, sollten wir von ihnen dringend eine „Nachzertifizierung“ (auf eigene Kosten) verlangen.

Wenn ich Gedichte kritisiere, mache ich stets meine Kritik an einzelnen Worten fest. Deshalb nenne ich Ihnen an dieser Stelle Zahlen: Ein bayerischer Hausarzt bekommt pro Patient im Quartal, d. h. in drei Monaten, ca. € 45,- von der Kassenärztlichen Vereinigung. Mit diesem Betrag sind alle Leistungen abgegolten: Beratungen, Untersuchungen wie EKG, Ultraschall, Lungenfunktionstest, auch Telefonate mit Patienten, Krankenkassen, Kollegen in der Praxis und im Krankenhaus, Hausbesuche bei Tag und bei Nacht usw.

Eine durchschnittliche hausärztliche Kassenarztpraxis in Oberbayern versorgt nach dem Kenntnisstand meiner Frau etwa 800 bis 1000 Patienten im Quartal. Pro Quartal erwirtschaftet eine solche Musterpraxis also einen Umsatz zwischen € 36.000,- und € 45.000,- (d. h. monatlich € 13.000,- bis € 15.000,-).

Von diesen Einnahmen müssen die Gehälter der medizinischen Fachangestellten (im Durchschnitt: 2,5) und der Reinigungskraft bezahlt werden, die Miete der Praxisräume, Strom, Heizung, Wasser, Müllabfuhr, Kredite für Praxisausstattung und medizinische Geräte, Verbrauchsmaterial (z. B. Spritzen, Infusionsbesteck, Einmalhandschuhe), Laborbedarf, Fortbildungskosten für Arzt und Mitarbeiterinnen, Wartezimmerlektüre, Praxisversicherungen, Betriebsarzt und Sicherheitsbeauftragter und vieles anderes mehr. Je nach Praxisstruktur betragen diese monatlichen Kosten zwischen € 10.000,- und € 12.000,-, d. h. dem Arzt bleiben ungefähr € 3.000,- im Monat.

Von diesen € 3.000,- müssen Renten- und Krankenversicherungsbeiträge in voller Höhe (also nicht nur der Arbeitnehmeranteil wie bei Angestellten), Versicherungen für Berufsunfähigkeit und Berufshaftpflicht, Lebensversicherung (verlangt die Bank), PKW für Hausbesuche, Rücklagen für Anschaffungen sowie das private Leben finanziert werden.

Um Facharzt für Allgemeinmedizin zu werden, muss man Abitur haben, mindestens 6 Jahre studieren, danach mindestens 5 Jahre als Assistenzarzt in Krankenhäusern und Praxen arbeiten mit zahlreichen Bereitschafts-, Wochenend- und Nachtdiensten und danach noch eine Facharztprüfung ablegen. Außerdem muss man sich laufend fortbilden und Nachprüfungen, sog. Zertifizierungen, ablegen. Ein durchschnittlicher Hausarzt arbeitet in Bayern mindestens 60 Stunden pro Woche. Der Bruttostundenlohn für einen Hausarzt in einer reinen Kassenpraxis beträgt damit etwa € 11,-.

Dieser Kassenlohn ist, angesichts der Verantwortung für Leib und Leben, die dieser Beruf erfordert, indiskutabel. Ohne Privatpatienten könnte in vielen Regionen aus meiner Sicht kein regulärer Praxisbetrieb mehr aufrecht gehalten werden.

Ich habe volles Verständnis dafür, dass Bayerns Hausärzte endlich auf die Barrikaden steigen, um sich gegen die Rücksichtslosigkeit und Ignoranz der Gesundheitspolitiker und Kassenfunktionäre zu wehren und erkläre mich mit ihnen solidarisch. Ich werde alle Publizisten, die ich als Verleger, Autor und Herausgeber insbesondere für Verlage wie dtv Hanser, Reclam, Eichborn und die edition Chrismon (Evangelische Kirche Deutschlands) kenne, auf diesen Missstand aufmerksam machen und sie um aktive Unterstützung bei der nötigen Aufklärungsarbeit bitten. Aus Scham und Rücksicht auf ihre Patienten, aber auch aus Zeitmangel wegen totaler Überarbeitung haben viele Ärzte bislang keine konkreten Zahlen genannt. Ich denke, diese Zahlen mussten endlich auf den Tisch, um zu zeigen, wohin hilflose Politiker die eigentlichen Säulen des deutschen Gesundheitssystems, die Hausärzte, gebracht haben. Dass sich für einen solchen Hungerlohn kein ärztlicher Nachwuchs mehr in diesem Land rekrutieren lässt, mag jedem einleuchten.

Ich bezweifle allerdings, ob der Weg des Systemausstiegs aus der Kassenärztlichen Versorgung, den der Bayerische Hausärzteverband eingeschlagen hat, sich auf Dauer als der richtige Weg erweist. Bayerns DGB-Chef Fritz Schösser, der auch Vorsitzender des Verwaltungsrates des AOK-Bundesverbandes ist, sprach in diesem Zusammenhang von einer „rücksichtlosen Selbstinszenierung der Ärzteschaft“ (vgl. SZ vom 1. Februar 2008). Auch wenn sich Schösser mit seinen markigen Worten vermutlich auf den Systemausstieg einschießt, belegt er damit vor allem seine Ahnungslosigkeit in der Sache. Denn ein mit üppigen Privilegien ausgestatteter Berufsfunktionär wie Schösser würde für 11 Euro Stundenlohn keinen Fuß vor die eigene Haustüre setzen, geschweige denn um Mitternacht oder noch später zu einem Hausbesuch ausrücken.

Ich meine, dass es zu Verhandlungen auf Augenhöhe mit den Krankenkassen gerade eine starke Ärzteschaft braucht, die sich nicht zersplittern lässt, sondern geschlossen auftritt und insbesondere mit ihren Patienten, die ja alle über eine Stimme als Wählerinnen und Wähler verfügen, an einem Strang zieht. Der derzeitige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Axel Munte, scheint mir (zumindest nach seinen ersten Statements) weder für die Ärzte noch für die Patienten der richtige Mann zu sein. Wenn er sagt, es gäbe ohnehin zu viele Hausärzte in Bayern und mit der Einstellung polnischer, tschechischer und ukrainischer Ärzte droht, gießt er Wasser auf die Mühlen all derjenigen, die jetzt für einen Ausstieg der Hausärzte aus der kassenärztlichen Versorgung plädieren und damit die Zersplitterung der Ärzteschaft riskieren. Seine Aussage, es gäbe sogar noch eine Ärztegruppe, die noch schlechter gestellt sei, als die Hausärzte, nämlich die der Augenärzte, erinnert an den jämmerlichen Versuch, Kinderarmut in Deutschland mit der noch schlimmeren Armut von Kindern in der dritten Welt zu relativieren.

Allerdings zeigt jetzt auch Munte Verständnis für die Situation der Hausärzte (vgl. SZ vom 4.2.2008), die von der Bürokratie „drangsaliert“ würden: „Je mehr man reglementiert, desto teurer wird es“, sagt er und wirft Politikern vor, dass sie gerade dabei seien, „das beste Gesundheitssystem der Welt“ zu zerstören. Der schwerste Fehler der Politik ist auch nach seiner Meinung der für 2009 geplante Gesundheitsfonds, weil damit allein in Bayern weitere 500 Millionen Euro für die ambulanten Ärzte verloren gingen. Die Einführung des Gesundheitsfonds lehnt übrigens inzwischen auch SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ab, der dieses neue Bürokratiemonster vorher selbst mitbeschlossen hatte.

Wenn Sie mit mir der Meinung sind, dass unser bisheriges System eines persönlichen Hausarztes, der seine Patienten zum Teil ein Leben lang begleitet, ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Gesundheitssystems ist, dann müssen wir dies den verantwortlichen Politikern auch mitteilen. Beginnen wir damit direkt in den Ortsverbänden, im Kommunalwahlkampf.

Im März 2008 sind in Bayern Kommunalwahlen, im Herbst Landtagswahlen. Insbesondere die Parteien der Großen Koalition (SPD, CDU/CSU) haben meiner Meinung nach das katastrophale Absinken eines ganzen Berufsstandes und den Exodus des ärztlichen Nachwuchses in Deutschland mit einer Serie von Fehlentscheidungen zu verantworten. Wenn sie jetzt nicht sofort die Notbremse ziehen und eine Kehrtwende einleiten, also beispielsweise von der Einführung des unsinnigen Gesundheitsfonds abrücken, der die Bürokratie im Gesundheitswesen weiter aufbläht und die ärztliche Honorarsituation drastisch verschärft, könnte sich ein Kreuz für eine dieser Parteien auf dem Stimmzettel vielleicht (im übertragenen Sinne) zu einem Kreuz für das ganze weitere Leben auswachsen.

Bis spätestens zum 11.03.2008 besteht die Möglichkeit, eine öffentliche Petition gegen den Gesundheitsfonds online auf der Internetseite des Deutschen Bundestages www.bundestag.de mit zu unterzeichnen.
Folgender Hyperlink führt direkt zur Petition:
http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/view_petition.asp?PetitionID=618

Durch Mitunterzeichnung der Petition können Sie ein Zeichen setzen gegen die bisherige Gesundheitspolitik der Großen Koalition. Aber die direkte, persönliche Ansprache von Kommunalpolitikern und Parteimitgliedern vor Ort ist der beste Weg, um von unten eine durchgreifende Veränderung einzuleiten.

Ich bitte Sie dabei herzlich um Ihre Unterstützung.
Besten Dank und viele Grüße,

Anton G. Leitner

Kritische Randbemerkungen zu einer Kritik

Liebe Besucherinnen und Besucher,

ausgerechnet am Morgen des Faschingssonntag, während draußen die Sonne strahlt und meine Frau in der Gilchinger Bereitschaftspraxis ärztlichen Notdienst leistet, sitze ich in meiner Weßlinger „Schreibstube“ und mache mir Gedanken über einen seltsamen Artikel, der am 24. Januar in der Tageszeitung Die Welt erschienen ist (Rubrik „Deutsche Momente“): Jenes Berliner Organ entsandte nämlich offenbar eine im wahrsten Sinne des Wortes „nüchterne“ Journalistin nach München zu unserem „Fest der Liebespoesie“. Ihr knurrender Magen, so fürchte ich, hat sich sogar bis hinein in ihren Bericht artikuliert.

An besagtem Abend war nämlich eine Reporterin, völlig außer Atem und offensichtlich mit einem Bärenhunger („ich bin seit 8 Uhr morgens nüchtern!“), so spät zum Fest erschienen, dass schon alle Freicoupons für Getränke und Essen ausgegeben waren. Zwar konnten wir für die Frau noch entsprechende Gutscheine organisieren, aber für das leibliche Wohl der Gäste wurde erst eine Stunde später, in der Pause, gesorgt. Nun sind 60 Minuten Liebespoesie auf nüchternen Magen sicherlich nicht für jeden Organismus leicht zu verdauen, und wenn im Inneren Kalorienarmut herrscht, fällt auch der Orgasmus im Kopf aus: „Der Anflug von geistiger An- oder gar Erregung stellt sich kaum ein, weder vor Alkohol und Teigtaschen“, schreibt die Welt-Kritikerin ein wenig „angefressen“.

Vielleicht trübt Heißhunger sogar bisweilen auch das Seh- und Hörvermögen. Jedenfalls sieht jene Reporterin nur noch schwarz-weiß, d. h. ausschließlich alte Leute mit Zottelhaaren um sich herum sitzen: „Ergraut ist es, das Publikum, kein Haar gefärbt, kaum eins gestutzt“. Abgesehen davon, dass die erzkonservative Welt in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade als Teenager-Blatt für Schlagzeilen gesorgt hat, und auch abgesehen von der hier zu Tage tretenden, geradezu bieder-spießigen Einstellung, dass ältere Menschen besser nichts mit Erotik am Hut haben sollten, frage ich mich ernsthaft, ob diese Journalistin und ich in derselben Veranstaltung saßen. Wenn ich allein an die vielen bildschönen, reifen Frauen, aber auch an die jungen Autorinnen denke, die mir an diesem Abend begegnet sind … Selbst der für seine brillante Vortragskunst weithin bekannte Münchner Altphilologe und Universalerotiker Prof. Niklas Holzberg kommt in dieser Nacht nicht bei der Welt an: „Ausgerechnet antike Liebeslyrik leidet unter der hüftsteifen Anzüglichkeit des Vortrags“.

Und auch das Geburtstagskind selbst, unsere Zeitschrift DAS GEDICHT, hat jene Kritikerin offensichtlich nicht oft in der Hand gehabt hat. Denn während nicht wenige ihrer Kollegen die Aktualität unserer Themen diskutieren, hält die Frau von der Welt unser Lyrikkompendium für „ein Träumerblatt“, das seit „1993 gänzlich ohne Zeitbezug und nahezu ohne Layout“ auskomme, aber letztendlich wegen seiner „Abmischung“ doch „einzigartig“ sei.

Ich fürchte, die Gute liest die eigene Zeitung nicht, denn es scheint ihr entgangen zu sein, dass Die Welt immer wieder einmal Gedichte aus DAS GEDICHT nachdruckte, sogar auf einer ganzen Zeitungsseite, als Papst Johannes Paul II ein Jugendgedicht in unserem Religions-Special publizierte (was Die Welt damals übrigens zunächst ohne deutlich erkennbaren Quellenverweis tat, fast so, als hätte sie den Dichter im Papst entdeckt). Die Religionsausgabe von DAS GEDICHT (Nr. 9) erschien – ohne Zeitbezug? – wenige Tage vor dem schicksalsträchtigen 11. September 2001, und diskutierte als eines der ersten Organe, noch vor den meisten Feuilletons, das Wiedererstarken der Religionen und die möglichen Auswirkungen auf die Literatur / Lyrik der Gegenwart.

Zuvor hatte bereits DAS GEDICHT Nr. 7 (Herbst 1999) mit seiner „Liste der Jahrhundertdichter“ den Grundstein für alle späteren Kanon-Debatten in den Feuilletons gelegt. Und die Jubiläumsausgabe Nr. 10 formulierte im Frühjahr 2002 unter dem Motto „Politik und Poesie. Gedichte gegen Gewalt“ ein klares NEIN der internationalen Dichter zu den bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und Irak (wobei sich neben Autoren wie Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger auch Lyriker aus den USA, aus Großbritannien, aus Afghanistan und dem Irak beteiligten).

Der langen Rede kurzer Sinn: Liebe Leute von der Tageszeitung Die Welt, bitte seid so gut und schickt uns beim nächsten Mal eine Journalistin vorbei, die sich für den anstehenden Termin besser vorbereitet, vorher aber ordentlich frühstückt und zu Mittag isst.

Nichts für ungut also
und einen sonnigen Sonntag noch
aus dem sonnigen „Hauptdorf der Poesie“,

Ihr / Euer Anton G. Leitner

Überwältigt vom Fest der Liebespoesie

Liebe Besucherinnen und Besucher,

ich bin noch immer vollkommen überwältigt von unserem „Fest der Liebespoesie“ am 22.1.2008 im Literaturhaus München. Das Echo auf diesen Abend (400 Besucherinnen und Besucher, über 50 weitere Besucher konnten wegen Überfüllung nicht mehr eingelassen werden) hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen.

Das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) zeichnete die Veranstaltung auf, ein über 4 Minuten langer Beitrag lief noch am selben Abend im ARD-Nachtmagazin vom 23.1.2008, das noch online steht: http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video265370_bcId-nm220_ply-internal_res-flash256_vChoice-video265370.html

Internet-Blogerin Aveleen Avide hat den Abend mit einer ganzen Fotoserie und einzelnen Videos aus ihrer Sicht dokumentiert und kommentiert: http://aveleen-avide.blog.de/2008/01/27/lesung_am_22_01_2008_im_literaturhaus_in~3638794

Ich bin noch immer dabei, alles aufzuarbeiten, was mir im Zuge der Festvorbereitungen hier liegen geblieben ist. Mich umgeben ganze Stapel von Papier und das ist auch der Grund, warum ich mich bislang nicht nach unserem Fest gemeldet habe.

Ich werde aber in den nächsten Tagen hier noch mehr zum Fest und den Reaktionen darauf schreiben sowie an dieser Stelle meinen Solidaritätsaufruf für alle Hausärzte ins Netz stellen.

NEU: „Zu mir oder zu dir? Verse für Verliebte“ (dtv, Reihe Hanser)

Vor wenigen Tagen ist hier meine neue Sammlung „Zu mir oder zu dir? Verse für Verliebte“ eingetroffen (dtv, Reihe Hanser 62341). Ein wunderschönes Mini-Taschenbuch im Kultformat von „SMS-Lyrik“, ab sofort im Buchhandel zu beziehen.

„Zu mir oder zu dir?“ versammelt 100 prickelnde Verse für Verliebte aus 250 Jahren – von Johann Wolfgang von Goethe über Tanja Dückers, Said und Michael Wildenhain bis zur 1992 geborenen Jungautorin Aline Müller. Viele der Gedichte sind eigens für diesen Band verfasst worden.

„Herausgeber Anton G. Leitner beteiligte die 15-jährige Schülerin Marina Elsner an der Auswahl und Komposition dieses Bändchens. Wie seine höchst erfolgreiche Anthologie SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie (dtv Reihe Hanser 62124; 3. Aufl.) eröffnet auch dieser Band (nicht nur) Jugendlichen einen frischen und unverkrampften Zugang zur Lyrik“, heißt es dazu in der dtv-Presseerklärung vom 1. Februar 2008.

Soviel in aller Kürze für heute und bis ganz bald

Ihr Anton G. Leitner

aus Weßling,
dem „deutschen Hauptdorf der Poesie“ (Joachim Sartorius)

Gute Poesie ist Grundnahrungsmittel

Liebe Besucherinnen und Besucher,

unser großes Fest naht und ich bin inzwischen ein wenig erschöpft von den anstrengenden Vorbereitungsarbeiten. 50 bekannte Dichter „unter einen Hut zu bekommen“, ist keine leichte, aber dafür eine umso spannendere Aufgabe. Das öffentliche Interesse an unserer Mega-Nacht der Liebespoesie ist sehr groß. Eine Besprechung jagt die andere.

Ich führe in diesen Tagen viele Gespräche mit Journalisten, die über den 15. Geburtstag unserer Zeitschrift DAS GEDICHT berichten möchten. Dabei werde ich immer wieder gefragt, was ich mir nach 15 Jahren Herausgeberschaft eines erfolgreichen Lyrikmagazins wünsche. Nun, mein Wunsch war es von Anfang an, den praktischen Beweis dafür zu erbringen, dass gute Poesie keine verschwurbelte „Fachsprache“ für abgehobene Spezialisten ist, sondern ein geistiges Grundnahrungsmittel für wirklich jeden Menschen. Denn als Wechselspiel von Logik und Gefühl bringt die Sprache auf den Punkt, eröffnet mit oft sehr wenigen Worten einen ganzen Kosmos, ist nicht selten dialogisch, nah am Lied und deshalb besonders gut memorierbar. Die besten Verse nisten sich ohnehin lebenslang im Gedächtnis ein und führen ein kreatives Eigenleben im Kopf.

Insgesamt wünsche ich mir, dass Deutschland wieder mehr an seine Tradition als Land der „Dichter und Denker“ anknüpft. Denn Gedichte, die sich meist vollkommen einer materiellen Bewertung verweigern, können mit geradezu verschwenderischer Leichtigkeit „einen Tag retten“, wie es der große argentinische Dichter Roberto Juarroz einmal formuliert hat. Viele gute Gedichte, das ist meine feste Überzeugung, können sogar ein ganzes Leben retten, mindestens aber bereichern – und Kleinkrämerei, Geiz und der unmenschlichen Durchökonomisierung subtil und subversiv entgegenwirken.

Heute hat mir dtv ein Vorabexemplar meiner im Februar erscheinenden Gedichtsammlung „Zu mir oder zu dir? Verse für Verliebte“ geschickt, die – im Sonderformat des Kultbändchens „SMS-Lyrik“ – wiederum in der Reihe Hanser erscheint (Februar 2008) und sich an Leserinnen und Leser ab 14 Jahre wendet. Diese Anthologie präsentiert eine Fülle von kurzen Gedichten, die allesamt zeigen, dass es möglich ist, komplexe Lebenssachverhalte mit einfachen Worten kunstvoll auszudrücken. Gedichte, die kein Germanistikstudium erfordern, um sie zu begreifen, aber uns mit ihrem Sprachfluss, ihrer Melodik, sofort ergreifen, wie bereits der erste lyrische Text im Buch, das „Vorspiel“ von Peter Maiwald:

„Das Lieben macht schön.
Das Lieben macht klug.
Es braucht sehr wenig.
Zwei sind genug.

Das Lieben macht krank.
Das Lieben macht matt.
Es braucht sehr wenig.
Weh, wer es hat.“

Mit diesem poetischen Vorspiel über „Das Lieben“ und Leben verabschiede ich mich heute von Ihnen und würde mich freuen, Sie am 22. Januar 2008 um 19 Uhr im Literaturhaus München begrüßen zu dürfen – ein Abend, bei dem mit Sicherheit keine Langeweile aufkommen wird, denn sie ist der größte Feind der Literatur.

Mit herzlichen poetischen Grüßen
und bis bald,

Ihr Anton G. Leitner

Ich bin dein Nest du bist mein Fest: Ein Abend der poetischen Lust zum 15. Geburtstag der Zeitschrift DAS GEDICHT

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Literaturzeitschriften und Gedichtverlage, das ist bekannt, haben eine Lebensdauer von höchstens fünf Jahren. Dann ist Schluss. Dass der Verlag des Weßlinger Verlegers und Autors Anton G. Leitner (DAS GEDICHT) in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiern kann, gleicht praktisch einem kleinen Wunder. Und Wunder müssen groß begangen werden“, schreibt dieser Tage eine Tageszeitung und eigentlich kann ich diesen Worten kaum mehr etwas hinzufügen.

Über meine Überlebensstrategien der vergangenen 15 Jahre könnte ich ein eigenes Buch schreiben und eines Tages werde ich dies bestimmt auch tun. Denn was es heißt, DAS GEDICHT bis heute aus eigener Kraft, also ohne Förderungen oder Subventionen, am Leben zu erhalten, kann sich eigentlich nur der engste Kreis derjenigen vorstellen, die mich wacker auf meiner Abenteuerreise im Zeitalter der Buchhandelskonzentration begleiten.

Ohne Zweifel habe ich die bislang intensivsten Jahre meines Lebens als Herausgeber, Autor und Verleger dieses Organs erlebt. Hans Bender und Walter Höllerer, die Gründungsherausgeber von Akzente, warnten mich seinerzeit: Jede Zeitschrift werde früher oder später ihre Ernährer auffressen. Heute weiß ich, was sie mir sagen wollten und wie viel Kraft und Geld so ein Unternehmen kostet.

Trotzdem bleibt es für mich ein beglückendes Abenteuer, DAS GEDICHT bis heute edieren zu dürfen. Ich betrachte es als großes Geschenk, dass 50 bekannte Dichter aus dem ganzen deutschen Sprachraum anreisen, um im Literaturhaus München unsere Zeitschrift mit einer Jubiläumslesung zu feiern. Eine Lesung von Liebeslyrikern in dieser Dimension hat es bislang noch nicht gegeben. Selbst die Buchmessen in Leipzig oder Frankfurt täten sich schwer, einen solchen Dichter-CHOR an einem Ort zu versammeln.

Das Programm des Abends wurde von uns so strukturiert, dass die Lesungen 2 mal 45 Minuten dauern und anschließend noch genügend Zeit bleibt, sich mit mir und allen anderen Dichtern beim Empfang (neudeutsch: „After-Show-Party“) persönlich auszutauschen. Inzwischen haben weitere Lyriker aus ganz Europa ihr Kommen zugesagt, so dass sich am 22. Januar 2008 an der Isar so viele Poeten treffen werden, wie selten oder nie zuvor.

Da bis jetzt schon 200 Karten vorverkauft sind, empfehle ich Ihnen dringend, im Literaturhaus München unter der Telefon-Nummer 089/291934-27 Karten zu reservieren oder die Karten im Restaurant OskarMaria (im Literaturhaus) vorab zu erwerben.

Ich würde mich sehr freuen, am 22. Januar in München mit Ihnen auf weitere 15 GEDICHT-Jahre anzustoßen.

Herzliche Grüße aus Weßling
und bis bald,

Ihr

Anton G. Leitner

 

Presseerklärung:

Ich bin dein Nest du bist mein Fest

Ein Abend der poetischen Lust
zum 15. Geburtstag der Zeitschrift DAS GEDICHT

Dienstag, 22.1.2008, 19:00 Uhr
Literaturhaus München, Saal
Eintritt: € 10.- / € 8.- (inkl. 1 Getränk und 1 Snack)
Kartenreservierungen im Literaturhaus: Telefon 089 / 29 19 34-27

Veranstalter: Anton G. Leitner Verlag DAS GEDICHT,
Kulturreferat der Landeshauptstadt München,
Stiftung Literaturhaus

Moderation: Sabine Zaplin (BR), Andreas Ostermeier (SZ)

Die von Anton G. Leitner 1993 in Weßling bei München gegründete Zeitschrift DAS GEDICHT hat sich innerhalb weniger Jahre „zur bedeutendsten Lyrikzeitschrift in Deutschland“ (BR) entwickelt.

Zum 15. Geburtstag des Magazins lädt der GEDICHT-Herausgeber zu einem Abend der poetischen Lust ein. 50 Autoren der Jubiläumsausgabe aus Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz tragen Liebespoesie vor – dabei reicht der Gedichtreigen von jungen Slam-Poeten wie Lydia Daher (Augsburg) und Alex Dreppec (Darmstadt) bis hin zu erfahrenen Meisterlyrikern wie Said (München). Als Vorspiel rezitiert der Münchner Altphilologe Professor Niklas Holzberg sinnliche Liebesdichtung der Antike.

Außerdem mit dabei: Friedrich Ani (München), Markus Bundi (CH-Baden), Manfred Chobot (Wien), Tanja Dückers (Berlin), Nora-Eugenie Gomringer (Bamberg), Jean Krier (Luxemburg), Fitzgerald Kusz (Nürnberg), Alexander Nitzberg (Düsseldorf), Matthias Politycki (Hamburg), Arne Rautenberg (Kiel) und viele andere.

Im Anschluss bitten die Veranstalter zu einem kleinen Empfang.