Nachrichten vom GEDICHT-Versand: Schweiz ist postalisch Australien?!

Liebe Besucherinnen und Besucher,

gestern haben wir beim Versand der ersten neuen GEDICHT-Ausgaben festgestellt, dass die Schweiz seit Juni 2007 im Bereich der Paketpost aus der postalischen „Europa Zone“ ausgeschieden ist und Pakete und Päckchen in die Schweiz nunmehr von den Gebühren her nach der „Weltpost Zone“ abgerechnet werden müssen.

Das heißt für uns konkret: Der Versand von 10 buchstarken Ausgaben unserer Zeitschrift DAS GEDICHT in unser nicht einmal 200 km entferntes Nachbarland kostet ab sofort 30 Euro Porto (Landbeförderung), in DM ausgedrückt: 60 Mark (!). Damit ist es kleineren deutschen Verlagen künftig nicht mehr möglich, größere Mengen Bücher in die Schweiz zu versenden, denn das Porto kostet mehr als die versandten Titel.

„Sind die Schweizer noch zu retten?“, haben wir uns gefragt und wissen noch nicht, wie wir künftig unsere Schweizer Leserinnen und Leser ohne horrende Portokosten weiter beliefern sollen. „Fahren Sie die Bücher selbst in die Schweiz“, hat uns die freundliche Dame vom Geschäftskunden-Service der Deutschen Post AG geraten, „das ist billiger“ …

Massenkeulungs-Barbarei im oberpfälzischen Nittenau

Gestern Abend, als ich mich vor der „Tageschau“ von den Strapazen des zweiten GEDICHT-Versandtages erholen wollte, mit Schrecken gehört, dass im oberpfälzischen Nittenau (Bayern) „vorsorglich“ 200.000 Enten „gekeult“ werden sollen, um eine mögliche Ausdehnung des „H5N1“-Virus zu verhindern.

Im Editorial der vorletzten GEDICHT-Nummer (vgl. DAS GEDICHT Nr. 14, 2006, S. 4 ff.) habe ich geschrieben: „Die keulende Gesellschaft kehrt den universellen Barbaren heraus“. Die jetzt vermutlich schon begonnene Keulung der armen Enten soll die bislang größte Massentötung dieser Art von Tieren sein. Der bayerische Noch-Ministerpräsident Stoiber liebt es bekanntlich, bei jeder Gelegenheit Bayern als Rekordland herauszustellen.

In diesem Fall stellt Bayern einen traurigen Rekord der Barbarei auf, um an meinen letztjährigen Satz anzuknüpfen. Die Tiere brauchen mehr denn je eine Arche, um sie vor dem unmenschlichen Irrsinn der ausbeuterischen Massentierhaltung und ihren Folgen zu bewahren.

Ich schäme mich heute zutiefst für den Teil meiner Landsleute, die so mit unseren Mitgeschöpfen umgehen.

Mit heute unentspannten Grüßen
aus Weßling, Ihr

Anton G. Leitner

DAS GEDICHT, Herausgeber

Heute Demo!

Liebe Besucherinnen und Besucher,

am heutigen Sonntag gibt es die erste Großdemonstration in der Geschichte des Dorfes Weßling. Die Bürger von Weßling und der umliegenden Gemeinden protestieren ab 15 Uhr gegen die Ausdehnung des Flugbetriebs auf dem ehemaligen Dornier-Werksflughafen im Weßlinger Ortsteil Oberpfaffenhofen. Mit Ausnahme der CSU, der bekanntlich schon seit den Höhen- und Tiefflügen ihres ehemaligen großen Vorsitzenden Franz Josef Strauß (ich sage nur: „Steuerbefreiung für Flugbenzin!“) ein halberotisches Verhältnis zur Fliegerei nachgesagt wird, rufen fast alle Parteien und Gruppierungen zur Beteiligung auf und ich folge ihrem Ruf und demonstriere mit.

Allerdings finde ich es ein wenig heuchlerisch, nur gegen Fluglärm zu protestieren. Ein Mensch wie ich braucht zu seiner Arbeit vor allem Ruhe. Und wahrscheinlich bin ich mit diesem Bedürfnis bei weiten nicht der einzige im Ort.

Und, unter uns gesagt: Ich wäre manchmal richtig froh, wenn ich den Lärm von Flugzeugen vom Lärm der Motorsägen, Kreissägen, Laubsauger, Heckenscheren, Rasenmäher, Mehrgang-Schlagbohrer, Bandschleifer, Luftdruckreiniger, Auto-Hifi-Anlagen, Auto-Staubsauger, PKWs, LKWs, S-Bahnen, Papiermüllentsorger, Plastikmüllentsorger, Restmüllunterentsorger, Feuerwehrsirenen, Martinshörner usw. unterscheiden könnte.

„Flugzeuge“, sagt meine Mitarbeiterin Gabriele Trinckler, „sind hier in Weßling eigentlich noch die geringste Lärmquelle“ – und freut sich täglich darauf, dass sie ab 18 Uhr wieder – mit einem langgezogenen Quietschton auf den abgefahrenen S-Bahnschienen – in ihr „ruhiges München“ fahren darf.

Und so will ich heute nicht nur gegen Fluglärm protestieren, sondern auch gegen den hausgemachten Lärm. Und vielleicht finde ich sogar einige Demonstrantinnen und Demonstranten, die mir beipflichten, dass wir im Grunde genommen erst einmal gegen uns selbst demonstrieren müssten. Eigentlich bräuchten wir ja nur die schon vorhandene gemeindliche Satzung einhalten, die das Verhältnis zu ruhestörenden Arbeiten regelt. Denn der Lärm aus der Luft lässt sich nicht abstrakt loslösen vom Lärm auf der Erde. Und die Boden- und Geräuschhoheit über unsere eigenen Grundstücke haben wir selbst!

Erst also sollten wir den lärmenden Schweinehund in uns überwinden. Und danach können wir uns guten Gewissens noch einmal treffen und gemeinsam gegen den Lärm aus der Luft demonstrieren.

Vielleicht ist mir der „Naherholungsort“ Weßling nach fast 45 Jahren einfach zu „nahe“, als dass ich mich in ihm erholen könnte?

Aber jetzt muss ich erstmal demonstrieren gehen
und verabschiede mich so leise wie möglich
um hinterher lautstark zu protestieren …
mit herzlichen Grüßen

Ihr Anton G. Leitner
(der seit Jahren stets „Ohropax“ in Griffweite auf dem Schreibtisch liegen hat)

Alte Freunde, neue Freunde?

Liebe Besucherinnen und Besucher,

mein offener Brief an Günter Grass hat über den deutschen Sprachraum hinaus, bis hinein in polnische Tagezeitungen, Wellen geschlagen.

Ich habe viele zustimmende und einige sehr böse Briefe und eMails erhalten, auch von Schriftstellerkollegen aus dem Umfeld von Günter Grass. Ich sei (mit 45 Jahren) „zu jung“, um mich in dieser Angelegenheit zu äußern und Grass sei außerdem nie ein „Moralist“ gewesen, das sähe ich „völlig falsch“.

Gleichzeitig erreichen mich eMails von alten und neuen Nazis: Jemand, der keinen „Schießprügel“ in der Hand gehabt hätte, habe kein Recht, dem ehemaligen „Kameraden Grass“ fordernd zu begegnen, außerdem sei ich „zu jung“, um mitzureden.

Erschreckend, wie sich die Argumentationen gleichen, wenn Menschen nicht mehr weiter wissen!

Ein Zeichen in die von mir vorgeschlagene Richtung von Günter Grass gibt es, soweit ich es mitbekommen habe, bislang jedenfalls nicht. Inzwischen sollen rund 250.000 Exemplare seines Enthüllungs-Bandes verkauft worden sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die klingelnden Kassen Günter Grass dieses Mal wirklich glücklich machen. Auch wenn er es noch einmal auf Platz 1 der Bestsellerlisten geschafft hat: um welchen Preis!

Vier Wochen nach meinem Vorschlag scheint es so, dass mein früheres Grass-Bild nicht wiederhergestellt werden kann. Damit bin ich, wie ich täglich erfahre, nicht allein. Aber das vermag meine Enttäuschung, meine Traurigkeit nicht zu vermindern. Die moralische Instanz, das menschliche Vorbild Günter Grass gibt es – für mich jedenfalls – nicht mehr.

Das Denkmal hat sich selbst vom Sockel gestürzt.

In diesem Sinne verbleibe ich für heute
mit herzlichen Grüßen aus Weßling

Ihr Anton G. Leitner

DAS GEDICHT-Herausgeber

Ein Vorschlag an Günter Grass

Lieber Günter Grass,

Martin Walser hatte gestern Abend im ZDF eine treffliche Erklärung für die 60-jährige Verspätung Ihres SS-Coming-Outs: Deutschland biete nicht das nötige Klima für derartige Offenbarungen. Und im Übrigen empfiehlt Walser den Vertretern des Literaturbetriebs: „Maul halten!“

Inzwischen ist auch, quasi über Nacht, Ihr Hardcover-Band erschienen (drei Wochen früher als geplant). Sie selbst hüllen sich in ein medienwirksames Schweigen und empfehlen uns verstörten Lesern, die entsprechenden Passagen in Ihrem Buch selbst nachzulesen. Ihr guter Rat war vielen teuer, denn wie Ihr Verlag stolz vermeldet, ist die Startauflage (150.000 Exemplare) inzwischen fast abverkauft.

Sie können auf denkbar einfache Weise zeigen, dass Sie in keiner Weise materiell von der Enthüllung Ihrer SS-Zugehörigkeit profitieren wollen. Spenden Sie alle Einnahmen, die mit dem Buch verbunden sind, den Opfern der Waffen-SS.

Diese Geste, der sich vielleicht auch Ihr Verlag anschließen könnte, würde nicht nur mein altes Grass-Bild wiederherstellen.

Mit diesem ernst gemeinten Vorschlag
verabschiedet sich
mit freundlichen Grüßen
aus Weßling

Ihr Anton G. Leitner

DAS GEDICHT, Herausgeber

Die schnelle Generalabsolution

Liebe Besucherinnen und Besucher,

auch viele Besucher meiner Homepage beschäftigt das verspätete SS-Coming-Out von Günter Grass sehr intensiv. „Ich war erstmal fassungslos und kritzelte mir mit Stift und Papier das Unglaubliche von der Seele“, mailt mir zum Beispiel Titus Grall aus Berlin und dichtet: „Geoutet – gehäutet // Katz und Maus / Mußte raus / Spiel ist aus // Echt krass, Mann / Grass, ein SS-Mann // Out“.

Ich finde heute besonders interessant, wie sich enge Weggefährten von Günter Grass in dieser prekären Situation verhalten. Marcel Reich-Ranicki, der sonst ja gerne zu allem und jedem seine oftmals polemischen Kommentare abgibt, entdeckt eine neue Disziplin: Das Schweigen. Und Walter Jens, jener sonst so scharfzüngige und überkritische Rhetoriker aus Tübingen, zweifelt, wenn ich seine Äußerungen recht interpretiere, nicht einen Augenblick lang an der moralischen Integrität des Nobelpreisträgers.

Mir drängt sich allmählich der Verdacht auf, der – kalkulierten? – Selbstentblößung von Günter Grass folgt nun stehenden Fußes der Striptease jener Persönlichkeiten aus seinem Umfeld, die sich bislang so gerne als das personifizierte intellektuelle Gewissen unserer Gesellschaft inszeniert haben.

Seien wir weiter auf der Hut!

Herzliche Grüße
aus Weßling
und bis bald,

Ihr Anton G. Leitner

DAS GEDICHT, Herausgeber

Das späte Geständnis von Günter Grass

Liebe Besucherinnen und Besucher,

Günter Grass (Jahrgang 1927), der sich zuletzt an der Ausgabe Nr. 12 (Erotik-Special II: „Nackt. Leibes- und Liebesgedichte“) unserer Zeitschrift DAS GEDICHT mit Lyrik beteiligte, bekennt in seiner demnächst erscheinenden Biographie, mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Nun verursacht es mir als GEDICHT-Herausgeber natürlich ein flaues Gefühl bei dem Gedanken, dass in unserer Zeitschrift – ohne unser Wissen zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Abdruck – ein SS-Angehöriger publiziert hat. Die Tatsache, dass Grass mit 17 Jahren als noch nicht einmal Volljähriger zu einer SS-Einheit eingezogen wurde und als Vertreter des „letzten Aufgebots“ keinen Schuss mehr abgefeuert haben soll, relativiert jedoch dieses ungute Gefühl.

Ein viel größeres Problem habe ich aber mit dem Zeitpunkt der Grass’schen Enthüllung im zarten Alter von 79 Jahren. Warum erfolgt sie ausgerechnet kurz vor dem Erscheinen seines neuen Buches, günstig platziert am Ende des so genannten journalistischen „Sommerloches“?

Ich selbst bin vor fast 25 Jahren als junger Autor und Mitarbeiter des Feuilletons einer Münchner Tageszeitung mehrfach Hans Werner Richter, dem Gründer der Gruppe 47, begegnet, und pflegte bis kurz vor seinem Tod enge Kontakte zu Walter „Shortie“ Kolbenhoff, in dessen Wohnung in der Münchner Schellingstraße bekanntlich die ersten Tagungen der Gruppe 47 stattgefunden haben. Nun ist die Karriere von Günter Grass sehr eng mit der Förderung durch das Netzwerk der „Gruppe 47“ verbunden. So wie ich Richter, Kolbenhoff und andere führende Mitglieder der Gruppe persönlich kennen gelernt habe, wage ich zu behaupten, dass Grass in dieser Gruppe nur sehr schwer ein Bein auf den Boden gebracht hätte, wenn sie von seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS gewusst hätte.

Dass Günter Grass seine Zugehörigkeit zur Nazi-Elitetruppe vielleicht auch aus strategischen (und damit opportunistischen) Gründen so lange verschwiegen hat, ist, angesichts seines hohen moralischen Anspruchs, für mich eine nur schwer zu schluckende Kröte. Der Gedanke aber, dass er jetzt vielleicht auch aus strategischen Gründen sein spätes Geständnis ablegt, um Aufmerksamkeit auf sein neuestes Werk zu lenken, droht, mein bisheriges Grass-Bild ernsthaft zu beschädigen. Bislang war ich stolz darauf, dass unser „Nationaldichter“ hin und wieder im GEDICHT publizierte.

Ich werde auf alle Fälle die von ihm selbst initiierte Debatte um seine Person aufmerksam und kritisch weiter verfolgen.

Mit freundlichen Grüßen
verbleibe ich für heute

Ihr Anton G. Leitner

DAS GEDICHT, Herausgeber