Weihnachts- und Neujahrsgruß


Wilhelm Busch

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand
Als wie die drei Weisen aus Morgenland
Und ließe sich dünken, er wär wohl nie
Dem Sternlein nachgereist wie sie;
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
Fällt auch auf sein verständig Gesicht,
Er mag es merken oder nicht,
Ein freundlicher Strahl
Des Wundersternes von dazumal.


Liebe Freundinnen und Freunde von DAS GEDICHT,
liebe Poetinnen und Poeten, liebe Leserinnen und Leser,

mit Wilhelm Buschs Versen wünsche ich Euch allen von Herzen ein friedliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein Jahr 2026 mit vielen persönlichen poetischen Momenten.

Mein Optimismus, dass sich im Jahr 2026 angesichts des politischen Personals, insbesondere in den internationalen Machtzentren der Welt, etwas zum Besseren wenden möge, hält sich in deutlichen Grenzen. Meine Verzweiflung im Jahr 2025 war zeitweilig so groß, dass ich mich komplett von aktuellen Nachrichten abgekoppelt und ganz in die Welt der Poesie zurückgezogen habe. Dieser Rückzug in meine eigene Lyrik und in die unserer lyrischen Ahnen aber auch meiner zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen, hat mir die Kraft gegeben, den 33. Jahrgang von DAS GEDICHT zusammen mit Matthias Kröner und meinem Team, insbesondere mit Gabriele Trinckler und Jan-Eike Hornauer als unserem versierten und ideenreichen Online-Redakteur, so wunderbar mit poetischen Inhalten rund um das Thema »jung und alt« zu füllen, dass uns vielleicht eine der besten Ausgaben überhaupt gelungen ist. Jedenfalls lassen erste Rückmeldungen in Kritiken, aber auch Live-Reaktionen nach der magischen Premierenlesung am 19. November 2025 im Lyrik Kabinett in München, diesen Schluss zu.

Weßlinger See zum Jahresende 2025 (Foto: Anton G. Leitner)

Ich habe Ende Februar 2025 zunächst einen tätlichen Angriff auf mich, mit Drohungen gegen mein Leben erleben müssen, auf dem Friedhof in Weßling, nahe dem Grab meines Vaters, ein Angriff, der in seiner Erbärmlichkeit eigentlich nicht weiter ausgeführt gehört. Aber er sagt natürlich etwas darüber aus, wie verroht man hierzulande inzwischen mit Menschen umzugehen pflegt, die einem nicht passen, weil sie sich nicht so leicht den Mund verbieten lassen und »nebenbei« auch noch die Natur und Vogelwelt vor Bedrohungen zu schützen versuchen, soweit und so gut, wie sie es können …

Drei Monate später habe ich durch multiresistente Keime fast acht Wochen kostbarster Arbeits- und Lebenszeit verloren, und heute kann mich glücklich schätzen, dass ich, vor allem durch das Engagement meiner Hausärztin und Ehefrau, Dr. med. Felizitas Leitner, am Ende alles überlebt habe.

Die Erfahrungen, die ich dabei einmal mehr in einem Krankenhaus in München sammeln musste, in das ich notfallmäßig eingeliefert worden war, gehören zu den schlimmsten Erlebnissen meines Lebens und zeigen auf drastische Weise, wohin sich derzeit unser deutsches Gesundheitssystem entwickelt. Ich könnte viel darüber berichten und schreiben, tue es aber heute noch nicht. Dass allerdings Geld die Welt regiert, das wurde mir auf der Privatstation dieser Klinik, die nach außen noch einen guten Ruf genießt, klar, in der vor allem sehr wohlhabende Patientinnen und Patienten aus Russland und den Arabischen Emiraten menschlich behandelt wurden, ein Umstand, der uns normalen Patienten, vorsichtig formuliert, nicht gerade die beste medizinische Versorgung beschert hat, sondern, wie in meinem Fall, eher das Gegenteil. Denn ich hätte auch in vierzehn Tagen gesund sein können, wie ich heute weiß, wenn man mich dort nicht nach fünf Tagen völlig überstürzt entlassen hätte, weil wohl ein lukrativerer OP- Patient für mein Zimmer eingeliefert worden war …

Ich danke allen, die mich und mein Team freundschaftlich durch das Jahr 2025 begleitet und mir geholfen haben, es doch noch gut zu überstehen. Und ich arbeite daran, dass ich jenen, die sich nicht sehr anständig, mitunter sogar äußerst schäbig und gewaltkriminell gegenüber mir benommen haben, eines Tages auch verzeihen kann.

Grandios waren viele Veranstaltungen, auf denen ich zusammen mit geschätzten Kolleginnen und Kollegen, oft auch aus dem kabarettistischen Fach, auf diversen, teilweise auch größeren, Bühnen stehen durfte.

Die Premieren-Festlesung rund um meine neue Reclam-Anthologie »Jede Jahreszeit ist schön. Gedichte für Frühling, Sommer, Herbst und Winter« mit vielen poetischen Freundinnen und Freunden im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2025 im dortigen Reclam-Museum, an einem der wunderbarsten und kuriosesten Orte, die ich je erleben durfte, ist unvergesslich, wenn nicht sogar kultig geworden – ich glaube, alle, die dabei waren, werden mir beipflichten.

Aber bevor ich noch weiter ins Schwärmen über die Lyrik im Allgemeinen und die Lyrik im Besonderen gerate, umarme ich Euch virtuell und freue mich darauf, viele von Euch auch im neuen Jahr mit auf die ein oder andere große poetische Abenteuerreise nehmen zu dürfen.

Toi, toi, toi und einen guten Rutsch,
und dass wir alle niemals die Hoffnung verlieren mögen,
das wünscht Euch
Euer
Anton
G. Leitner

Premierenfeier von DAS GEDICHT #33 am 19. November im Münchner Lyrik Kabinett: 26 Poeten lesen »jung und alt«-Gedichte

Cover von DAS GEDICHT 33

Neue Gedichte von namhaften und aufstrebenden Poetinnen und Poeten zum Thema »jung und alt« haben Stammeditor Anton G. Leitner und sein Co-Herausgeber für die Nummer 33 der buchstarken Jahresschrift DAS GEDICHT zusammengetragen. Unterstützt von 24 Poetinnen und Poeten feiern sie die Buchpremiere am Mittwoch, 19. November 2025, ab 19 Uhr im Münchner Lyrik Kabinett.

Unter den 26 Poetinnen und Poeten, die ihre und weitere Poeme aus DAS GEDICHT #33 zu Gehör bringen, sind: Friedrich Ani, Ulrich Johannes Beil, Christina Madenach, Kathrin Niemela, Heike Nieder, Lorena Pircher, Sophia Lunra Schnack und Ludwig Steinherr. In einer Podiumsrunde nehmen die beiden Herausgeber Matthias Kröner und Anton G. Leitner zusammen mit Moderator Christoph Leisten (Co-Editor DAS GEDICHT #27 »Dichter an die Natur«) das Publikum überdies mit hinter die Kulissen ihrer editorischen Arbeit.


Matthias Kröner, Co-Herausgeber DAS GEDICHT 33 (Foto: Gabriele Kröner)

Die Informationen zur Premierenlesung von DAS GEDICHT 33 im Überblick:

Buchpremiere
DAS GEDICHT 33
»jung und alt«
Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner
und mit einem »Lyrik für Kids«-Special, zusammengestellt von Uwe-Michael Gutzschhahn

Mittwoch, 19. November 2025
19:00 Uhr bis ca. 21:30 Uhr (inkl. Getränkepause)
Einlass ab 18.30 Uhr

Lyrik Kabinett | Amalienstr. 83 a | 80799 München
Eintritt: € 12,- (ermäßigt € 10,-)
Abendkasse, freie Platzwahl
Vorverkauf über Anton G. Leitner | DAS GEDICHT
service@dasgedicht.de • Tel. +49 (8153) 952522
www.dasgedicht.de | www.dasgedichtblog.de


Anton G. Leitner, Stamm-Herausgeber DAS GEDICHT (Foto: Peter Boerboom)

DAS GEDICHT schlägt in seinem 33. Jahrgang eine Brücke der Verständigung zwischen den Generationen und lotet mit den Mitteln der Lyrik aus, welch großes Potenzial das Zusammenleben von Jung und Alt für unsere Gesellschaft bergen kann. Grundsätzlich zu DAS GEDICHT: Anton G. Leitner engagiert sich unter dem Motto »Poesie rettet den Tag« seit fünfundvierzig Jahren für die Vermittlung von zeitgenössischer Poesie. Seine Jahresschrift DAS GEDICHT widmet sich Themen am Puls der Zeit und ist generationsübergreifend auf die Diversität der lyrischen Stimmen und Formen ausgerichtet. Leitner wurde für seine publizistische Arbeit vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Alexander-Sacher-Masoch-Preis 2023/2024 in Anerkennung der Verdienste für die neuere österreichische Literatur. Seit Dezember 2024 wird der literarische Vorlass von Anton G. Leitner und seinem Verlag durch die Monacensia verwaltet, das Literaturarchiv der Landeshauptstadt München.

Veranstalter: Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT. Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und der Stiftung Lyrik Kabinett.

Bei der Veranstaltung gelten die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Pandemieregeln.

Mitwirkende in alphabetischer Reihenfolge:

Friedrich Ani (München) | Melanie Arzenheimer (Eichstätt) | Ulrich Johannes Beil (Weilheim) | Jürgen Bulla (München) | Christian Dörr (München) | Georg »Grög!« Eggers (München) | Thomas Hald (München) | Jan-Eike Hornauer (München) | Matthias Kröner (Ratzeburg) | Christoph Leisten (Würselen) | Anton G. Leitner (Weßling) | Christina Madenach (München) | Anna Münkel (Zankenhausen) | Heike Nieder (München) | Kathrin Niemela (Passau und Nürnberg) | Wilson Pearce (München) | Lorena Pircher (Wien) | Wolfgang Prochaska (München) | Wolfgang Ferdinand Ramadan (Icking) | Ulrich Schäfer-Newiger (München) | Sophia Lunra Schnack (Wien) | Thomas Schneider (Basel) | Ludwig Steinherr (München) | Jochen Stüsser-Simpson (Hamburg) | Gabriele Trinckler (München) und Gabriele Wenng-Debert (Gröbenzell)


Download-Material zur Veranstaltung (bitte gerne frei verwenden):

Einladungskarte zur Premierenlesung von DAS GEDICHT 33, Vorderseite
Einladungskarte zur Premierenlesung von DAS GEDICHT 33, Rückseite







Zuversicht, in Verse gegossen: Die Reclam-Anthologie »Lichtblicke« von Anton G. Leitner will mit lyrischen Mitteln Mut machen

[erstmals erschienen ist dieser Artikel auf »DAS GEDICHT blog« (am 20. September 2022), von dort ist er übernommen]

eine Buchvorstellung von Jan-Eike Hornauer

Gerade in schwierigen Zeiten braucht es dies: echte Mutmacher. Die Gedichte-Sammlung »Lichtblicke«, jüngst im Reclam-Verlag erschienen, will genau dies sein, ein Mutmacher, ein Zuversichtspender. Anton G. Leitner hat in dieser knapp 130 Seiten starken Hardcover-Anthologie im handlichen Geschenkbuchformat Poeme versammelt, die das Positive herausstellen, ohne kitschig zu sein, die in der Zukunft den Hoffnungsschimmer sehen oder gar eine Wendung ins richtig Glückliche, die auch im Dunklen noch ein Leuchten wahrnehmen oder ihm zumindest mit Humor begegnen.

Von Eichendorff bis Krausser: zeitgenössische Poeme und Klassiker gemischt

Dabei mischt er als Herausgeber klassische Gedichte (etwa von Fontane, Tucholsky, Lasker-Schüler, Rilke, Kaléko, Eichendorff und Wedekind) mit Poemen zeitgenössischer Dichter (wie Helmut Krausser, Matthias Politycki, Dagmar Nick, Meike Harms, Fitzgerald Kusz, Lutz Rathenow, Sabine Schiffner, Ludwig Steinherr und Gerhard Rühm). Für Letztere eine wichtige, aber keineswegs ausschließliche Basis: der ebenfalls von Leitner herausgegebene 29. Band von DAS GEDICHT (»Hoffnung & Aufbruch«).

Irdische und kosmische Natur als Glücksanker

Unterteilt ist die bei Reclam erschiene Hoffnungsanthologie »Lichtblicke« in vier Kapitel: »einfach glücklich«, »ja zum ja«, »vereinzelt sonnig« und »gemeinsam weiter«. In »einfach glücklich stellt sich schnell heraus: Natur und Kosmos sind echte Anker zum Glücklichsein. »was für eine nacht / sei still / die sterne singen!«, heißt es da etwa bei Fitzgerald Kusz. Alfred Lichtenstein besingt die »Mondlandschaft« im gleichnamigen Gedicht. Und Emmy Hennings reimt zum Thema Sternenlicht mit leichter Hand und Seele: »Wie schön ist es in dieser Nacht. / Was hat mich leiselieb geweckt? / Jetzt bin ich glücklich aufgewacht / Und finde mich mit Licht bedeckt.« Bertolt Brecht schwärmt »Vom Schwimmen in Seen und Flüssen«. Xóchil A. Schütz fühlt sich hier pudelwohl: »Im Schmetterlingsland, unter Grillen, Libellen / Am See / an einsamen Stellen«. Und Arno Holz schwärmt: »Schönes, grünes, weiches Gras. / Drin liege ich. / Mitten zwischen Butterblumen!«

Der Mensch in seinem Habitat, der Zivilisation: wehmuts- und hoffnungsvoll

Um das menschliche Leben an sich und in Resonanz zu Zivilisation sowie Gesellschaft dreht es sich in »ja zum ja«. Ingeborg Bachmann attestiert hier eine neue Alltäglichkeit: »Der Held / bleibt den Kämpfen fern.« Ludwig Steinherr sieht sich im städtischen Umfeld um und fordert: »Wir gegen das Nichts!« Dabei ist er sich sicher, »wir könnten eine Menge Spaß haben«, wenn man es nur spielerisch genug angeht, bei ihm heißt das hier: »als Baseballteam«.

Ein Rezept zum »Nicht müde werden« verrät Hilde Domin. Matthias Kröner schlägt die Brücke zum ersten Kapitel und rettet Natur in der Zivilisation (konkret befördert er Fliegen sanft aus seinen Wohnräumen in die Freiheit und sichert sich so, wie er augenzwinkernd berichtet, deren aufrichtige Dankbarkeit). Philip Saß beschreibt gar humorvoll das Zusammentreffen mit einer andren Zivilisation in Reim und Rhythmus, nämlich eine gar nicht mal so unangenehme Entführung durch Außerirdische. Hans Magnus Enzensberger sieht sich selber als »Der Fliegende Robert« und somit – so münzt er den Mythos auf sich um – mit einfachsten Mitteln aufs Wundervollste der niederdückenden Welt enthoben.

Doch auch die Wehmut kommt hier nicht zu kurz, und zwar diejenige, die auch etwas Tröstliches in sich birgt. Sie wird behandelt etwa von Johann Wolfgang Goethe in »Trost in Tränen«, von Theodor Fontane in »Überlass es der Zeit« und Matthias Politycki in seinem auch gleich mit »Wehmut« überschriebenen Poem. Daraufhin verbreiten Gerhard Rühm, in sprachspielerischer Manier, und Friedrich Schiller, im hohen und pathetischen Ton, Hoffnung. Und Jürgen Bulla unterstreicht: »zu dieser Zuversicht / da wolln wir wieder hin«. Was kann dabei helfen? Lustvoll »Wolliges«, wie bei Anna Breitenbach (was auch heißt: nie die Lust an Sprache und niemals den Faden verlieren), und die richtigen Schwerpunkte im Leben setzen, wie bei Alfons Schweiggert, der darauf hinweist, welcher Wunsch in keiner Bucket List enthalten ist: »Bevor ich sterbe, will ich ein neues Smartphone kaufen.«

Die Dinge einfach mal anders betrachten: der Misthaufen als Aussichtsplattform

Im dritten Kapitel (»vereinzelt sonnig«) zieht sich der Himmel ordentlich zu. Doch dabei zeigt sich auch: Ins Düstre stechen auch immer Lichtblicke hinein – und sie geben Hoffnung. Zudem, so wird klar, hilft es, der Misere mit Humor zu begegnen. Ein gutes Beispiel für all dies ist das »Trostgedicht« von Michael Augustin: »Je höher / dein Misthaufen // desto besser / die Aussicht«.

Und tierisch fröhlich sprachfehlernutzend rät Meike Harms in ihrem Langgedicht »im Namen des Frohsinns« dies: »Fink Positive«! Mit großem Ernst assistiert hier Christoph Kleinhubbert, der ein Ende der »Austernzeit« anmahnt, er kommt zu folgendem Resümee: »Die Zeit der Umarmungen ist nicht vorbei / Willst du das Licht sehen stell dich ans Fenster / Soll dein Herz weiter schlagen muss du furchtlos sein«. Wie man selbst der »Diagnise Krebs« noch eine heitere Seite abgewinnen kann, macht Robert Gernhardt vor. Und bei Erika Burkart findet ein Mann Trost darin, einen Baum zu pflanzen – denn er hinterlässt so etwas, das ihn selbst überdauert.

Tiefe Verbundenheit und romantische Gefühle – ein Wir für die Zukunft

Um die Verbundenheit, die Liebe zwischen zwei Menschen, um ein Wir für die Zukunft geht es in »gemeinsam weiter«, dem vierten und letzten Kapitel der »Lichtblicke«. Die besondere Beziehung zwischen Elternteil und Kind besingen in sanfter Freude Sabine Schiffner in »meine mutter und ich«, Martina Wied in »Der Nährvater« und Matthias Kröner, der sich entzückt und tief bewegt zeigt von der »Freude, / wenn du am Morgen zu mir ins Bett schlüpfst / und mir zeigst, / wie quietschvergnügt / Tage anfangen / können.«

Dass diese Verbundenheit auch im erwachsenen Alter noch gilt (oder gelten kann), zeigt sich bei Erich Kästner. In »Stiller Besuch« kommuniziert er gar nicht mit der Mutter, die in der kurzen Zeit bei ihm vollauf damit beschäftigt ist, Ansichtskarten zu schreiben. Doch die Nähe ist da, die Vertrautheit – und sie ist das Schöne. Eine Generation weiter greift Klára Hůrková aus, sie blickt auf den Enkel und mit ihm in die Zukunft: »Er schaut aus dem Fenster / in unser Nachher.« Und sie ist sich sicher: »Er nimmt uns mit in ferne Länder, / die wir nicht besuchen werden.« Auf die Kraft von Freundschaft und Völkerverständigung zwischen uns, die wir doch alle Menschen sind, setzt Salean A. Maiwald in ihrem »Verwandt«.

Und natürlich darf auch die romantische Liebe nicht fehlen, die in der ewigen Flüchtigkeit einer Nacht oder auch dem real dauerhaften Bei- und Zusammensein Ausdruck findet. Ihr widmen sich etwa Gabriele von Baumberg in »Morgenkuss nach dem Ball«, der Herausgeber Anton G. Leitner in »My Fair Lady«, August Stramm in »Blüte« und Arno Holz, der jubi- und tiriliert: »Und es war keine Welt mehr, / nichts, nichts, nichts, // es war nur noch Sonne, nur noch Sonne, // so schön warst du.«

Auf diesen Aufbruch folgt der Rückzug, der hier jedoch niemals ein finaler sein kann. So wird Uwe-Michael Gutzschhahn durch das Auffinden eines zwiefach mitgewaschenen Zettels die Sehnsucht nach einer Unbekannten und wohl auch Unauffindbaren geweckt. Und Corona wird zum Thema, romantisch bei Hellmuth Opitz, wo der Rückzug ins Zweisamprivate die ruhende Liebe wieder lebendig werden lässt, denn nun hat man Zeit, kümmert sich wieder umeinander, und es gilt ja schließlich: »Lieben ist ein Tu-Wort.« Bei Tamara Štajner träumt sich ein altes Ehepaar fort von Intensivstation und Lungenspülung, hin zu einem Neuanfang unter Kirschbäumen. Friedrich Rückert sehnt sich danach, dass geliebte Verstorbene doch noch da sind – und findet in der eigenen Fantasie Trost. Und Wolf-Dieter Grengel weiß, am Ende des Lebens, da muss man die guten Vorsätze doch ernst nehmen, und gemeinsam mit seiner Frau macht er dies: »Wir teilen uns den Himmel auf«.

Die Eckdaten zum Buch:

Lichtblicke
Gedichte, die Mut machen
Hrsg. von Anton G. Leitner
Hardcover im handl. Geschenkbuchformat
128 S., 12,00 Euro
ISBN 978-3-15-011377-6

Waschzettel zum Buch als PDF: https://dasgedichtblog.de/wp-content/uploads/2022/09/Leitner-AntonG_Lichtblicke-Gedichte-die-Mut-machen_Reclam_Waschzettel.pdf

Umschlag als PDF: https://dasgedichtblog.de/wp-content/uploads/2022/09/Lichtblicke_Anton-G-Leitner_Reclam_Umschlag.pdf

Bestellung im Reclam-Verlagsshop oder über jede Buchhandlung; hier geht’s zur entsprechenden Webseite bei Reclam: https://www.reclam.de/detail/978-3-15-011377-6/Lichtblicke

Über die Natur – von Schönheit bis Erschöpfung, von Bewunderung bis Zerstörungsdiagnose reichen die Verse der neuen Reclam-Anthologie

[erstmals erschienen ist dieser Artikel auf »DAS GEDICHT blog« (am 20. Mai 2020), von dort ist er übernommen]

Frisch bei Reclam erschienen: zeitgenössische Naturgedichte im handlichen Hardcover

Das Verhältnis des Menschen zur Natur – es ist eines der traditionsreichsten Dichtungssujets überhaupt. Mit der gerade bei Reclam erschienenen Anthologie »Die Bienen halten die Uhren auf«, herausgegeben von Anton G. Leitner, wird die Gattung der Naturgedichte mit Poemen von über 100 zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern weiter fortgeschrieben, unter ihnen aufstrebende Namen, wie Matthias Kröner, Sandra Blume, David Westphal und Anna Münkel, sowie längst im lyrischen Olymp etablierte, wie Jan Wagner, Günter Kunert, Ilma Rakusa und Helmut Krausser.

Der Begriff »Naturgedicht« wird dabei durchaus weiter gefasst: Dem romantischen Blick wird hier auch der kritische gegenübergestellt, neben prachtvoller Natur wird ebenfalls ihre Zerstörung aufgezeigt. Weiter stellt sich klar heraus: Man kann die Natur genießen, doch man muss es nicht, man darf sich eben auch einmal an ihr stören. Und neben Pathos, poetischen Zauber und ernste Sachlichkeit dürfen Flapsigkeit und Humor treten.

Von Bayern 2 als Buch-Favorit ausgezeichnet: In der Hörfunk-Sendung »Bayern 2 Favoriten« vom 19. Mai wurde die Lyrik-Sammlung vorgestellt und gewürdigt.

Kurzum: In vielen Perspektiven lässt sich auf die Natur blicken – gut hundert Gedichte sind in diesem Band versammelt. Was sie eint: dass sie alle aus dem Jetzt stammen. Und dass sie zusammen ein buntes, zum Genießen und Nachdenken anregendes lyrisches Mosaik ergeben.

So leisten sie einen Beitrag nicht nur zu einem etablierten und seit jeher beliebten literarischen Subgenre, sondern auch zum – vor Auftreten des Corona-Virus – bedeutendsten gesellschaftlichen Gegenwartsdiskurs: Das Verhältnis von Mensch und Natur ist schließlich auch Kern allen (geforderten) grünen Umdenkens, der weltweiten »Fridays for Future«-Bewegung und sämtlicher Herausforderungen rund um das Thema Klimawandel.

Vitalität und Aufbruch – Verse mit Idyllen, voller Schönheit und von metaphorischem Einfallsreichtum

Das knapp 160 Seiten starke Buch, dessen Gedichte teilweise auch in »DAS GEDICHT #27 – Dichter an die Natur« enthalten sind, ist in vier Kapitel eingeteilt: »Alles Natur«, »Welke Welt«, »Die Scharen der Stare« und »Früchte für Nachkommende«.

Ihr »Auge wie berauscht / in diesem Garten« findet Ilma Rakusa im Auftaktgedicht »Flora« und bedient damit gewiss gleich die Kernerwartung der meisten Leserinnen und Leser an einen Naturlyrikband. Philosophisch wird es dann bei Sabine Minkwitz, die die Schattenseite des Lebens poetisch-pointiert lobt: Dass Moos im Schatten prima gedeiht und etwas Herrliches ist, beobachtet sie. Friedrich Hirschl nimmt, wenn man das so sagen darf, den Gebirgsbach auf die Schippe: die Jahreszeiten offenkundig mit den Lebensaltern gleichsetzend, »ermahnt« er den vor Vitalität übersprudelnden »Gebirgsbach im Frühling« mit den Worten: »Mein Freund / im Sommer / sprechen wir / uns wieder«. Eine Idylle entwirft Brigitte Fuchs mit ihrem »Sommerabend am See«.

Doch nach dieser Entspannungspause wird’s hektisch: »Keine Zeit für Pausen« findet die – durchaus menschlich anmutende – Eintagsfliege Barbara Zeizingers. Ruhe und zeitlose Ästhetik gibt’s hernach gleich wieder bei Markus Bundi und Norbert Göttler, wo sich’s um Weizen, Klatschmohn und Sommerregen dreht, und Gabriele Trinckler besingt die Gier der Vögel beim »schnabulieren« (ein Gedicht, das für sich steht – aber auch als Mensch-Metapher funktioniert). Dass Natur und Mensch auch in der Stadt aufeinandertreffen – und zwischen ihnen eine Art fragile Verbundenheit herrscht, das zeigt etwa Thomas Hald auf, der sich in »städtische krähen« von ebenjenen durchschaut fühlt.

Natur und Zivilisation – ein spannungsreiches Verhältnis

Das immerwährende Ringen zwischen natürlicher und zivilisierter Welt fängt Andreas Altmann zu Beginn des zweiten Kapitels ein, eine diesbezügliche Symbiose zeichnet direkt darauf Andreas H. Drescher. Was für einen herrlichen Spielplatz überwucherte Trümmer abgeben können, besingt Achim Raven in seinem Kinderindianergedicht. Ein Märchenidyll mit Pferdefuß, welches aufzeigt, dass sich Natur eben nicht beliebig manipulieren lässt, lichtet Sandra Blume im Stallgeburtsgedicht »Gretel« in Versform ab. Und die Absurdität künstlich geschaffener Schneeparadiespisten im großen Ausmaß bringt Wolfgang Oppler humoristisch zur Geltung.

Der Widerstreit zwischen Mensch und Natur ist auch Thema bei Sujata Bhatt – hier geht es um die Eigenart, möglichst bequem Natur erleben zu wollen und sie eben dadurch leicht zu zerstören, etwa indem man das Paradies via Feriendomizil-Serienbau beeinträchtigt. Natürlich weiß Bhatt, diese Kritik leichtfüßig auslaufen zu lassen, so dass neben die Erhellung auch ein wohliges Gefühl beim Leser tritt. Unbequemer ist da Maik Lippert, er präsentiert einen »Gesang / vom Verenden«. Und Thomas Glatz verweist dann auf die große Poesie von vielen Vogelnamen – die leider bereits ausgestorbenen Arten angehören. Manfred Chobot meint, nicht ganz ernst, das Verschwinden von Natur sei kein Problem, schließlich könne man sich bald alles 3D-mäßig neu drucken.

Eine Natur-Kultur-Vereinigung sieht Fitzgerald Kusz in der »plastiktüte auf dem baum«. Und Anna Breitenbach konstatiert in »Wanderfreuden« etwa dies: »Im Wald blühen schon / wieder die Tempos«. Dass die Natur in den letzten Jahrzehnten recht gelitten hat, diagnostiziert auch der leider jüngst verstorbene Immenstadter Poet Dieter Höss, wenn er sich mit sarkastischem Witz, der an die Nicht-mehr-ganz-Jungen gerichtet ist, eindeutig auf die Seite der »Fridays für Future«-Bewegung stellt. Wortartistisch und umweltkritisch befürchtet Alex Dreppec, dass Stau-Becken bald zu Staub-Ecken des Planeten werden. Und Jana Franke haut raus: »der wald iss weg«.

Wenig Grund für Hoffnung bieten dem Menschen ganz grundsätzlich die »Mühen der Ebene«, wie Günter Kunert, leider ebenfalls kürzlich verstorben, feststellt. Macht und Ohnmacht im Verhältnis von Mensch und Natur beschreiben nachfolgend auch Holger Paetz und Lutz Rathenow. Ersterer wünscht sich quasi einen Weltuntergang durch ungezügelte und die Zivilisation hinwegfegende Natur, will aber bitte erst noch trockenen Fußes zum Discounter, der zweite genießt die Natur – aber nur vom sicheren Hochhaus aus – und merkt kritisch an, wenn man sie so wie aktuell üblich schützt, verlängere sich auch bloß ihr Sterben …

Bei Karsten Paul wiederum könnte eine Mensch-Natur-Vereinigung gelingen, doch das lyrische Ich schlägt hier mit Gewalt die »Treehugger« in die Flucht; das liest sich dann so: »ich hole meine Zwille / ein paar Steine auf den nackten Arsch / vertreiben die Drecksstädter«. Romantisch, wenn auch in eigentümlich moderner Variation, wird’s bei Augusta Laar, sie schreibt über »Verliebte Autos im Wald«. Und Axel Kutsch führt mit großem Witz vor, dass literarischer Naturgenuss durchaus am besten ohne echten Natureinfluss zustande kommt.

Auf zum gemeinsamen Untergang – Tod, Herbst und andere Schönheiten

Wie Zivilisation und Natur aufeinanderprallen, thematisiert auch Fritz Deppert ziemlich am Anfang des dritten Buchkapitels. Es »pflügen Wildschweinrotten / den Golfrasen um« in seiner »Treibjagd« – die er übrigens lediglich von der Terrasse aus beobachtet, denn die Jäger sind zwar auch Menschen, aber andere. Die Schweine sterben wohl, das lyrische Ich und seine Begleitung trinken weiter Kaffee. In hochpoetischen zarten Versen würdigt dann Johannes Zultner die heruntergefallenen herbstgelben Blätter als »sonne von unten«. Und, von einer Morgenstern-Zeile inspiriert, würdigt mit einem federleicht daherkommenden Krähengedicht Uwe-Michael Gutzschhahn die Beliebigkeit von so vielem in dieser Welt.

Zu Herbstimpressionen führen im Anschluss Fouad El-Auwad, der in einen Weinberg geleitet, und Christoph Wenzel, der dieses sieht: »nur noch der blümchen-BH auf dem wäscheständer / von letzten hummeln bestäubt«. Verspielt-melancholisch träumt Gerhard Rühm vom »laubsein«, Georg Langenhorst beobachtet ein »Drachenspiel«, und den Zauber eines sich bewegenden Starenschwarms fängt Christoph Leisten, Mitherausgeber der DAS GEDICHT-Ausgabe zum Thema Natur, in ausdrucksstarken Versen poetisch ein. Ludwig Steinherr befindet in »Raureif« nicht minder bildstark und einfühlsam: »Die Landschaft hat eine Gänsehaut // Als hätte ihr ein Finger / sehr sanft über die Wirbelsäule gestrichen«. Sabine Schiffner schließlich erscheint ein taumelnder Schmetterling im Winterlicht als »trugbild und nicht wirklich wahr«, ja als »erscheinung«.

Das Ende – und Aussicht auf Weiteres

Die Prägung des modernen Menschen, der beim Hören von Wellenrauschen unwillkürlich an die Akustik von befahrenen Autobahnen denken muss, greift Michael Augustin humoristisch pointiert auf. Von Andreas Reimann wird erst noch ein Idyllbild aufgerufen – doch rasch zeigt sich, es ist trügerisch, es ist inhaltsleerer Schein: Die Früchte mögen verlockend anmuten, doch letztlich ist es so, »als hätten sich alle aromen in wasser verlaufen«. Bei Walle Sayer dann muss die letzte widerständige Natur nachgerade Überforderndes leisten: »Einzig eine Kandelaberfichte / fängt des Winters ganze / Schneelast auf.«

Dass das alles letztlich nur Zuschreibungen sind – und dass man viel in der Natur sehen kann, diese das jedoch gar nicht braucht, da sie eben einfach ist, verdeutlicht Josef Brustmann, der die poetologische Geschichte des Baches sanft anklingen lässt. Vielleicht ist es da das Beste, die Natur einfach nur zu beobachten? Ralf Thenior tut dies. Und erlebt so letztlich »einen aufregenden Freitagnachmittag«. Allerdings gebiert sich der Thrill hier nicht nur aus der Beobachtung an sich, sondern auch aus dem Umstand, dass er vom Aussterben bedrohte Fauna- und Flora-Vertreter in ihrem letztverbliebenen Biotop beobachtet.

Das Reich der Toten, genauer »Die Nekropole von Pantalica« verleitet Joachim Sartorius zum Beschreiben von morbider Schönheit. Er sieht in dem vergangenen Leben auch den Verweis auf einen Neubeginn.

Das Sterben des Freundes und das Sichten von Krähen sind in den Versen Jan Wagners eng verknüpft. Hier steht der schwarze Vogel, ganz seinem traditionellen Topos gemäß, für Tod und Trauer. Verfolgt von Krähen, will der Erzählte selber letztlich nichts mehr sein als ihr »herbstfeld« und damit ein »ort der rast der krähen«. Das Leben hat also auch ihn verloren; dafür bringt ihn der Todes- und nun auch Sehnsuchtsvogel, so scheint es zu sein, in ein Reich der Ruhe. Und das ist ja nun auch nicht wenig, das Ende kommt mithin bei aller Tragik versöhnlich daher.

Ihren »Garten im Osten« beschreibt Klára Hůrková: Er ist ein Ort des Heimkommens, aber eben auch des endgültigen Heimfindens. Ihr Hund und ihre Katze liegen etwa dort begraben, er ist insekten- und pflanzenreich und also auch voller Leben; doch die Feuerstelle und die tibetischen Gebetsfahnen verweisen wieder auch auf mehr als nur reine Gemütlichkeit. Dieser Garten ist ganz irdisch – und hochtranszendent.

Einen weniger zartfühlenden Zugang zur Natur macht Ulrich Beck spürbar: Bei ihm ist die Natur nicht das Eigentliche, sie wird zur reinen Kulisse, und das eigentliche Ziel ist, was er deutlich kritisiert: »strecke machen«. Ja, so bringt man Idyll und Leistungsgesellschaft zusammen und führt sie mit viel Sprach- und Bildwitz sowie ordentlich Drive in den Versen gemeinsam ins lächerlich Absurde. Dass der Mensch für die Natur bedrohlicher ist als umgekehrt, zeigt Helmut Krausser szenisch eindrucksvoll. Und dass es in ihr Romantik ebenso gibt wie wahren Blutdurst.

Die hochunterschiedliche Gestaltung der Umgebung durch den Homo sapiens weisen am gleichen Gegenstand Rumiana Ebert und Salli Sallmann auf: Bei ihr geht es um die Mühe, die es macht, einen Teich selbst auszuheben – bei ihm darum, wie durch einen Bombentrichter versehentlich ein Teich entsteht (der dann aber »dem / ewig jungen Grünschlamm / des Vergessens« anheim zu fallen droht). Zu deprimierend für den Abschluss? Nun denn, dann möge dieser Artikel mit »Mann im Zoo« enden, einem kleinen Gedicht von Christian Futscher: »Geht es mir nicht so gut, / gehe ich in den Zoo / und rede dort / mit den Erdmännchen. / Danach geht es mir besser.«

(jeh)

 

Die Eckdaten zum Buch:

Die Bienen halten
die Uhren auf
Naturgedichte
Herausgegeben von Anton G. Leitner
Philipp Reclam jun. Verlag,
Stuttgart, Mai 2020
Hardcover im Format der Universalbibliothek
160 Seiten, 12,00 €
ISBN 978-3-15-011249-6

Bestellung etwa im Reclam-Verlagsshop oder über jede Buchhandlung; hier geht’s zur entsprechenden Webseite bei Reclam: https://www.reclam.de/detail/978-3-15-011249-6/Die_Bienen_halten_die_Uhren_auf